Sebastião Salgado. Exodus – Flucht und Vertreibung bekommen ein Gesicht

salgado_exodus_coverIm Balanceakt zwischen der Dramatik der Situation und den ästhetischen Ansprüchen an Aufbau und Komposition seiner Bilder führt Salgado uns einen Prozess globaler Verelendung vor Augen, aus dem wir uns als Akteure im globalen Zusammenspiel ökonomischer und politischer Prozesse nicht mit voyeuristischer Schaulust entziehen können. Nicht erst seit Flüchtlingsboote an den Mittelmeerküsten anlanden und Ertrunkene an den Stränden liegen.

Film-Blog.tv meint:
„Jeder Mensch ist Ausländer. Fast überall“ habe ich, es ist schon viele Jahre her, auf einem Auto-Aufkleber gelesen. Was in dieser Hinsicht heute fast noch wichtiger ist: Jeder einzelne von uns stammt von Vorfahren ab, die irgendwann mal in ihrer Geschichte ihre Heimat verlassen mussten. Nur ist es für uns, die wir in Mitteleuropa leben, halt oft schon so lange her, dass wir diesen Umstand beflissentlich übersehen.
Die weltweiten Flüchtlingsströme, die es immer gab und immer geben wird, haben wir auch nur zu gern „übersehen“. Abends, in den TV-Nachrichten in 30-sekündiger Beitrag. Anschließend Sport und Wetter. Das war’s. Dann konnte der Fernsehabend bei einem Glas Wein und einer Tüte Chips begonnen werden.
Jetzt können wir nicht mehr wegsehen. Und manche erkennen, dass auch unser Wohlstand auf der Not derer aufgebaut ist, die – sei es aus Hunger, wegen Verfolgung, oder Krieg – ihre Heimat verlassen mussten. Sebastião Salgado hat diese Menschen schon seit vielen Jahren begleitet. Er gibt ihnen in diesem Buch ein Gesicht.

„Migranten ist ein zugleich aufwühlendes und aufrührerisches Buch, weil es zu Urteilen zwingt und dem westlichen Betrachter nicht den gemütlichen Schauer erlaubt, das sei alles weit weg und habe mit seinem Leben nichts zu tun.“
Deutschlandfunk

Zum ersten Mal erfuhr ich von Sebastião Salgados „Exodus“ in der grandiosen Doku von Wim Wenders „Salz der Erde“. Das „Problem“ beim Film ist hinlänglich bekannt: Er ist vergänglich. Und Bilder werden gemacht, um sie sich in Ruhe anzuschauen, sich im Gezeigten „zu verlieren und wieder zu finden“. Zumindest, wenn sie so grandios sind, wie die Meisterwerke von Salgado.

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Sebastião Salgados groß angelegte Bilddokumentation Exodus ist mittlerweile ein Klassiker zum Thema Migration und Vertreibung. Mehr als sechs Jahre investierte er in den 1990ern, um auf der ganzen Welt Menschen zu porträtieren, die durch Krieg, Völkermord, Unterdrückung, Elend und Hunger gezwungen waren, ihre Heimat aufzugeben und sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu begeben.

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In Südamerika, auf dem Balkan, in den Slums der Megacitys Asiens, im Nahen Osten und im Herzen Afrikas traf er Menschen, die zu einem Leben verurteilt waren, das sich der kleine glückliche Teil der Menschheit, der in Wohlstand und Frieden lebt, kaum auszumalen vermag. Weit mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Exodus erstmals veröffentlicht wurde. Zu den größtenteils immer noch virulenten Krisenherden der 1990er sind neue hinzugetreten, zu den Millionen von heimatlosen und unbehausten Menschen von damals weitere Millionen hinzugekommen.

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Sebastião Salgado. Exodus
Hardcover mit Begleitheft, 24,8 x 33 cm, 432 Seiten
ISBN 978-3-8365-6129-7 (Ausgabe: Deutsch)

Der Fotograf
Sebastião Salgado begann 1973 seine berufliche Karriere als Fotograf in Paris und arbeitete in der Folge für die Fotoagenturen Sygma, Gamma und Magnum Photos. Im Jahr 1994 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Lélia die Agentur Amazonas images, die sein Werk exklusiv vertritt. Salgados fotografische Projekte wurden in zahlreichen Ausstellungen und Büchern gezeigt, darunter Other Americas (1986), Sahel, L’Homme en détresse (1986), Arbeiter (1993), Terra (1997), Migranten (2000), Kinder der Migration (2000), Africa (2007) und Genesis (2013).

Die Herausgeberin und Autorin
Lélia Wanick Salgado studierte Architektur und Stadtplanung in Paris. Ihr Interesse für die Fotografie entdeckte sie 1970. Seit den 1980er-Jahren konzipierte und gestaltete sie die Mehrzahl der Fotobände über Sebastião Salgado und organisierte alle Ausstellungen zu seinem Werk, darunter Genesis. Seit 1994 ist Lélia Wanick Salgado Geschäftsführerin von Amazonas images.

Sebastião Salgado. Exodus

“Sebastião Salgado. Exodus“ erscheint beim Taschen Verlag GmbH.
Das Rezensionsexemplar wurde vom Taschen Verlag GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.