Stankowskis Millionen: Unternehmen auf der Resterampe

stankowski_cover1991: Werner Stankowski hat’s nicht leicht: Seit dem Mauerfall ist der EDV-Spezialist arbeitslos, seine Frau himmelt einen Wessi an und beim Vorstellungsgespräch in München missfällt sein Sächsisch. Durch Zufall ergattert er dann doch einen Job im Westen – aber ausgerechnet bei der Treuhand, die seine geliebte DDR verscherbelt! Das dürfen Werners Familie und Kumpel Rudi nie erfahren. Und im Büro muss er seine Herkunft verleugnen, denn der Chef duldet keine Ossis …
Thomas Brussig schrieb das Drehbuch zu dem heiteren Ost-West-Konflikt, der wunderbar ironisch mit Klischees auf beiden Seiten spielt. Flotte Deutschrockklassiker runden den Satirespaß ab.

Film-Blog.tv meint:
Ein ungewohnter Wolfgang Stumph leitet seine Familie durch die Wirren der jungen wiedervereinten Bundesrepublik: „Stankowskis Millionen“ zeigt vor dem Hintergrund der Treuhandgeschäfte, wie Menschen aus Ost- und Westdeutschland nicht so recht zueinanderfinden wollen. Mit den überzeichneten Eigenschaften der beiden Gruppen ist das alles auch nicht so ganz einfach. Die schön geschriebene Komödie um das Doppelleben des Softwareentwicklers in Ost und West lebt auch von den talentierten Schauspielern. In seinen Klischees ist „Stankowskis Millionen“ nicht eben zurückhaltend, bietet mit seiner humoristischen Überzeichnung aber einen schönen Filmabend. Nicht nur am einem Tag der deutschen Einheit.

stankowski_01

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

14 Satelliten kreisen mit seiner Software um die Erde, aber niemand stellt ihn ein: der ehemalige Robotron-, Verzeihung, „Robotnik“-Entwickler Werner Stankowski findet auch nach 100 professionellen Bewerbungen keine Anstellung. 1991 meint es die junge wiedervereinigte Bundesrepublik nicht gut mit ihm. Dass seine Frau eine Beziehung mit einem schwäbischen Investor beginnt, hilft auch nicht.

stankowski_03

Ein Jobinterview in München scheitert an seinem Akzent; ostdeutsche Menschen möchte der Personalchef der Rise AG nicht einstellen. Zumindest bekommt er ein Poloshirt des Unternehmens, nachdem er sich dort mit Kaffee bekleckert hat. So gekleidet trifft er im Straßencafé René Vonderecken und hilft ihm bei einem Problem mit dessen Computer. Vonderecken arbeitet für die Treundhand und braucht dringend IT-Spezialisten. Nur „Ossis“ will er nicht, auf keinen Fall. Stankowski ist keiner, ist er sich sicher. Er trägt ja das Shirt eines Unternehmens aus dem Westen. Er bietet ihm 140.000 DM per annum plus Boni. Stankowski lehnt ab.

stankowski_02

Doch der finanzielle Druck zuhause nimmt zu: die Datsche fällt an die Treuhand, und er wird Großvater. So entschließt er sich trort deren Ablehnung zur Treuhand zu gehen. Dort begrüßt ihn ein 20.000 DM-Scheck, und Vorbehalte gegen Ostdeutsche in jedem Winkel des Unternehmens. Die Sekretärin ist bisher die einzige ostdeutsche Mitarbeiterin, und auf ihrem Schreibtisch findet sie jeden Tag eine von „Kollegen“ plazierte Banane.

stankowski_04

Die Treuhandbeschäftigten halten Stankowski für einen „von ihnen“. Der Einblick in die Prozesse gibt ihm Möglichkeiten, einige Probleme seiner Familie korrigieren. Unter anderem bringt er den Liebhaber seiner Frau dazu, auf eine alte Schokoladenfabrik zu bieten. Sein Schwiegersohn droht sich durch den geplanten Erwerb des Fuhrparks massiv zu überschulden. Für den windigen Investor kein Problem. Mit Tricksereien in Büchern und Verträgen will er sich sein Geld ohnehin zurückholen und einen satten Gewinn einstreichen.

stankowski_05

Stankowskis Familie darf nichts von seinem neuen Arbeitgeber erfahren, denn sie haben erhebliche Vorbehalte gegen die Treuhand, die die Unternehmen in den neuen Bundesländern in einem historischen Rekordtempo privatisiert und auflöst. Vor allem sein Freund Rudi Kloske ist ein vehementer Kritiker dieses Vorgehens. Rudi grenzt sich ab: Er baut eine Mauer, die das Nachbargrundstück des Wessis abtrennt. Und so ist es für Stankowski bei allen Schwierigkeiten wichtig, sein Doppelleben zu führen und dabei einige Dinge geradezubiegen…

„Stankowskis Millionen“ besetzt die Klischees schon recht stark. Besserwessis bilden sich etwas auf ihren Geburtsort ein und bringen ihre Ellenbogen in’s Spiel, Ostdeutsche sind hier gesellig und füreinander da. Und dabei gerne etwas naiv. Beide Gruppen hegen starke Vorbehalte gegen die jeweils andere, vor allem die Westddeutschen gegenüber den Ostdeutschen, wenig rational.

„Meine Hand für mein Produkt“, „Die NVA ist kein Scheidungsgrund“: In der ostdeutschen Schokoladenfabrik zeugen die Schilder noch von sozialistischen Botschaften, als der schwäbische Unternehmer die stillgelegte Produktionseinrichtung in seinem Mercedes-Benz besucht. Im Kontrast sehen wir das Bürogebäude der Treuhand mit seiner opulenten Ausstattung. Der Film setzt deutliche Pole, und zeigt das Ungleichgewicht, mit dem der Prozess Wiedervereinigung startete.

Die Treuhand steht im Mittelpunkt der Geschichte. Sie hatte eine historisch einmalig große und komplexe Aufgabe zu schultern: Eine riesige Zahl volkseigener Betriebe in die Privatwirtschaft überzuleiten. Erschwert wurde dies durch die häufig deutlich geringere Produktivität der Unternehmen unter dem Hammer. Hierbei kam es nicht selten zu unsauberen Geschäften, die schnelle Entwicklung und die Dimension machte das Mammut-Vorhaben anfällig. Vor diesem Hintergrund bewegen sich die Akteure um Werner Stankowski.

Wir erleben Stumph ungewohnt in einer Rolle als analytischer Mann. Seinen Charme spielt er hier weniger aus als wir es aus seinen anderen Rollen kennen. Auch seine Gestik ist anders; federnder, und mit einem kühleren Blick. Vorhanden ist seine menschliche Wärme aber auch hier, und auch in der 2011er Produktion darf er mit gesundem Menschenverstand und Herz seine Familie retten.

Die schauspielerische Leistung ist makellos. Wie könnte es auch anders sein? Wolfgang Stumph, Christian Tramitz, Sky du Mont und Gustav Peter Wöhler sind Garanten für Qualität. Aber auch der Rest des Ensembles überzeugt in der Darstellung der Charaktere in dieser Ost-Westkomödie.

Der Soundtrack ist ein wilder Mix der Musikszene 1991 und den zehn Jahren zuvor: Fehlfarben mit „Es geht voran“, Rio Reiser mit „Alles Lüge“ und „König von Deutschland“, Westernhagen mit „Sexy“, die Puhdys, Geiersturzflug mit „Bruttosozialprodukt“, Smokie, Udo Lindenberg mit „Sonderzug nach Pankow“, Ina Deter mit „Neue Männer braucht das Land“, Herbert Grönemeyer mit „Männer“. Und das für einen Vereinigungsfilm obligatorische „Wind of Change“ der Scorpions. Die meist kurz eingespielten Songs addieren Stimmung, können ihre Wirkung in der Kürze jedoch selten entfalten.

Damit kann man über wenige technische Ungereimtheiten hinwegsehen. Ein LaserJet 4plus, der Farbausdrucke produziert sowie E-Mails und ein Intranet sind 1991 vielleicht etwas visionär.

Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „Stankowskis Millionen“ auf DVD und Blu-ray Disc™. Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

stankowski_06

Originaltitel: Stankowskis Millionen
Land / Jahr: Deutschland / 2011
Genre: Komödie
Darsteller: Wolfgang Stumph: Werner Stankowski; Christian Tramitz: René Vonderecken; Jörg Schüttauf: Rudi Kloske; Petra Kleinert: Iris Stankowski; Gustav-Peter Wöhler: Gustav Novak; Sky Dumont: Dr. Raimund Bruckmann; Floriane Daniel: Anja Brokämper; Gerit Kling: Petra Kloske; Karin Thaler: Veronika Datzmeyer; Frederick Lau: Frank Kramer; Laura Syniawa: Laura Stankowski; Susanne Bormann: Andrea Kloske; Christian Kahrmann: Ralf Mayer; Erik Möbus& Nik Möbus: Kevin Kloske u. a.
Regie: Franziska Meyer Price
Drehbuch: Johannes W. Betz, Thomas Brussig
Produktion: Klaus Bassiner, Michael Lehmann, Sibylle Maddauss, Heike Streich
Kamera: Peter Ziesche
Schnitt: Simone Klier
Musik: Thomas Klemm
FSK: 6

DVD
Laufzeit: ca. 88 Min.
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch

Webseite zum Film: Stankowskis Millionen