Swiss Army Man: Furz …

swiss_coverEr hat weder einen „Freitag“ zur Ablenkung noch einen Volleyball zur Ansprache. Deshalb hat der auf einer einsamen Insel gestrandete Hank bereits mit seinem Leben abgeschlossen und sich den alles beendenden Strick geknüpft, als ihn ein merkwürdiges „Strandgut“ ablenkt und unverhofft zu seinem Lebensretter wird: Die aufgeblähte Leiche von Manny entpuppt sich als veritabler, (un-)toter Alleskönner, mit dem sich trefflich Boot fahren, jagen und sogar kommunizieren lässt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Film-Blog.tv meint:
Nur wenige Filme haben in letzter Zeit so polarisiert, wie „Swiss Army Man“: Scheinbar gibt es nur zwei Meinungen. Während viele Kritiker ein superb gespieltes Meisterwerk abseits aller Konventionen feiern, wenden sich die anderen angeekelt ab. Denn, seit: „Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe“ wurde nicht mehr so herzhaft öffentlich gefurzt. Bei aller Stimmung, die der superbe Dolby-Atmos-Ton in der O-Version ins Heimkino zaubert, ist man da doch recht glücklich, dass noch keine Gerüche von der Blu-ray übertragen werden …
Wer auf Blockbuster und RomCom steht, wird sicher wenig Gefallen an „Swiss Army Man“ finden. Freunde skurriler und tiefschwarzer Situationskomik, die auf die strenge Hollywood-Ästhetik einen Furz lassen, sollten sich dagegen ruhig mal auf ein Abenteuer der etwas anderen Art aufmachen und sich selbst ein eigenes Urteil bilden.

Was erwartet man noch vom Leben, wenn man sich gerade an einem idyllischen Strand aufzuhängen versucht? Sicher keine plötzlich angeschwemmte Leiche (Daniel Radcliffe), die mit lauten Furzgeräuschen immer wieder auf ihre Anwesenheit aufmerksam macht und ein ruhiges Ableben zur Unmöglichkeit werden lässt. Doch genau dieses Szenario widerfährt dem jungen Hank (Paul Dano), der als zeitgenössischer Robinson Crusoe ein Einsiedlerleben auf einer scheinbar verlassenen Insel führt und seinen Lebensmut offensichtlich verloren hat. Schnell findet der verhinderte Selbstmörder heraus, dass der von ihm Manny getaufte vermeintlich Tote einerseits nicht so tot ist wie es den Anschein hat und andererseits neben seiner Flatulenz noch weit mehr „Kräfte“ zu bieten hat, als ein erster Blick offenbart.

Als eine Art menschliches Schweizer-Armee-Messer nutzt Hank die ungewöhnlichen Körperkräfte seines Fundes, um mit ihm auf dem Wasser Jet-Ski zu fahren oder später sogar wilde Tiere zu jagen. Manny ist allerdings weder stumm noch besitzt er keine Gefühle. Denn auch wenn er zunächst vor allem durch seine Blähungen auffällt und über seinen Körper keine Kontrolle zu haben scheint, ist er an Hanks Problemen und dessen Ansichten äußerst interessiert. Mannys existenzielles Problem besteht vor allem darin, keine Erinnerung an sich selbst, sein früheres Leben oder überhaupt an irgendetwas zu besitzen. Nur einzelne Versatzstücke wie das berühmte musikalische Thema zu Spielbergs cineastischer Dinosaurierparade „Jurassic Park“ entsteigen ganz spontan seinem Gedächtnis, ohne dass er damit eine konkrete Szene oder einen Kontext in Zusammenhang bringen könnte.

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Hank fasst daraufhin den Entschluss, seinem Leben dadurch wieder einen Sinn zu geben, dass er sich mit seinem neuen Freund auf den Weg durch die Wildnis begibt, um auf dem Weg zurück nach Hause auch dessen Erinnerungen wiederzufinden. Die Reise der beiden wird zu einer Lektion über das Leben in all seinen Facetten zwischen Sexualität, Liebe und dem Umgang mit anderen Menschen unter dem Einfluss gesellschaftlicher Normen und Werte. Ihre skurril verlaufenden, aber immer von einer liebevoll ehrlichen Naivität geprägten Gespräche kreisen dabei um Themen wie Körperflüssigkeiten (Masturbation) oder Scham (Masturbation in Gedanken an Hanks Mutter) ebenso wie um die grundsätzlich hinter all dem steckende Frage, warum Menschen überhaupt so oft ihre Gefühle und körperlichen Reaktionen voreinander verbergen müssen und sollten.

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Schließlich errichten sich die beiden ihr eigenes kleines Reich inmitten des Waldes: eine kleine, geradezu kindlich anmutende Retro-Welt, die sie aus Müll, Papier und anderen „Rohstoffen“ gebastelt haben. Ein Bus, ein Theater, ein Kino, Handpuppen oder auch eigene Verkleidungen sind nur einige der Requisiten, mit denen die immer weniger ungleich erscheinenden Freunde versuchen, ein ganzes vergessenes Leben und eine vergessene Liebe spielerisch zu reproduzieren und so zu einer Biografie zusammenzufügen.

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Jene dreht sich zunehmend um eine junge Frau namens Sarah (Mary Elizabeth Winstead), deren Foto Hank auf seinem Mobiltelefon schützt wie einen Schatz, in das sich aber auch Manny zu verlieben beginnt. Was dazu führt, dass beide ihre jeweilige Wunschvorstellung in Verkleidung ausleben und einer nie existenten Liebesgeschichte mit Sarah in die Realität verhelfen.

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Trotzdem kommt es zu einem vorübergehenden Bruch zwischen den Freunden, als Hank Manny letztlich doch die Wahrheit über die Frau auf dem Foto offenbart: Weder war sie einst Mannys Freundin, noch hat Hank je ein Wort mit der ihm Unbekannten gewechselt. Sarah ist einfach nur die Fremde im Bus, der gegenüber Hank sich nie offenbaren konnte. Für Manny eine so große Enttäuschung, dass dieser sich den erneuten Tod wünscht. Erst, als sie kurz darauf von einem Bären attackiert werden und Hank verletzt wird, nutzt das lebende Schweizer-Armee-Messer zum ersten Mal auch aktiv seinen Körper, um sich schützend über den geschwächten Freund zu legen und den Bären in die Flucht zu schlagen. Nachdem Hank einige Zeit später aus seiner Ohnmacht erwacht, befindet er sich mit Manny in der Nähe des Hauses, in dem Sarah mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter lebt…

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Über die Bildqualität müssen wir nicht viele Worte verlieren. „Swiss Army Man“ ist eine moderne Produktion. Auch bei Großprojektion stimmen Schärfe und Auflösung, die Farben sind stimmig und die Tonwerte perfekt. Der Ton kommt in der deutschen Spur in DTS-HD Master Audio 5.1. Wer sich für die englische Originalversion entscheidet, darf sich über eine raumfüllende Soundkulisse in Dolby-Atmos freuen, sofern es das installierte Surroundsystem erlaubt.

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Das Schweizer Armee-Messer
Wer hat’s erfunden? Die Schweizer! Und zwar zunächst – wie passend zum Tonfall des Films – als „Sackmesser“ – bezugnehmend auf den sogenannten Hosensack (also die Tasche), in die das Messer passen sollte. Natürlich war das Ende des 19. Jahrhunderts erfundene Messer zunächst für Armeezwecke gedacht – das Klappmesser sollte beim Essen und beim Zerlegen des damaligen Standardgewehrs helfen.
So hat das Schweizer Taschen- oder Armeemesser im Verlauf der Zeit (und auf dem Weg zum zivilen Alltagsgegenstand) etliche Varianten durchlaufen, beginnend mit den wenigen Standardfunktionen mit Messer, Dosenöffner und Schlitzschraubenzieher bis hin zum im Guinness-Buch verewigten Wenger Giant Knife, das mit 81 (!) Werkzeugen und fast 150 Funktionen jedem einsam Gestrandeten (oder einem MacGyver, der oft mit einem Schweizer Taschenmesser operierte) zum echten Lebensretter werden kann. Hank verfügt in „Swiss Army Man“ leider nicht über so einen kleinen Alleskönner. Aber über einen Manny. Und der dürfte als erstes menschliches (wenn auch untotes) Multifunktionstool zumindest in die
Filmgeschichte eingehen.

capelight pictures präsentiert „Swiss Army Man“ im Vertrieb von Koch Media GmbH ab 23. Februar 2017 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VOD.
Das Rezensionsexemplar wurde von capelight pictures zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Swiss Army Man
Land / Jahr: USA / 2016
Genre: Drama, Komödie
Darsteller: Paul Dano: Hank, Daniel Radcliffe: Manny, Mary Elizabeth Winstead: Sarah, Antonia Ribero: Chrissy, Timothy Eulich: Preston, Richard Gross: Vater von Hank, Marika Casteel: Reporterin, Andy Hull: Kameramann, Aaron Marshall: Polizist, Shane Carruth: Untersuchungsbeamter u. a.
Regie: Daniel Kwan, Daniel Scheinert
Drehbuch: Daniel Kwan, Daniel Scheinert
Produzenten: Miranda Bailey, Lawrence Inglee, Lauren Mann, Amanda Marshall, Eyal Rimmon, Jonathan Wang
Kamera: Larkin Seiple
Schnitt: Matthew Hannam
Musik: Andy Hull, Robert McDowell
FSK: 12

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 97 Min. + Bonus
Bildformat: Full HD 16:9 (2,40:1)
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1 (Deutsch), Dolby Atmos (Englisch)
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Extras: Audiokommentar vom Regie-Duo Daniels, Szenenbildner, Jason Kisvarday und Sound Mixer Brent Kiser / Hinter den Kulissen / fünf Featurettes / drei entfallene Szenen / Interview mit Daniel Radcliffe / Q&A mit den Daniels und Brent Kiser / zwei Trailer, Wendecover, Pappschuber

Webseite zum Film: Swiss Army Man