The Vatican Tapes: „You tell them I walk the earth“

vatikan_coverGewinnspiel_rotAngela Holmes führt ein glückliches und ruhiges Leben. Nach einer vermeintlich harmlosen Verletzung ändert sich dies jedoch: Das Verhalten der jungen Frau wird zusehends unberechenbar und sie scheint, jeden in Gefahr zu bringen, der ihr zu nahe kommt. Seltsame Unfälle geschehen, Menschen verletzen sich oder sterben. Nachdem Ärzte nicht helfen können, wendet sich der örtliche Priester, Pater Lozano, der überzeugt ist, Angela sei von einem Dämon besessen, in letzter Hoffnung an den Vatikan. Dort nehmen sich Vikar Imani und Kardinal Bruun des Falls an. Schon bald stellt der erfahrene Exorzist Bruun fest, dass sie es mit einer deutlich mächtigeren satanischen Gewalt zu tun haben, als sie zunächst dachten. Ein Kräftemessen zwischen Himmel und Hölle beginnt…

Film-Blog.tv meint:
„Einige der dümmlichsten Exorzismus-Szenen, die du sehen wirst“ (The Times), „Ein stumpfes, nicht gruseliges neues Tief“ (Flick Filosofer): Bei insgesamt durchwachsenen Kritiken sieht manch ein Rezensent „The Vatican Tapes“ selbst als Besessen an. Das ist uns zu hart. Die 2015er-Produktion entwickelt insbesondere in der zweiten Hälfte eine lebendige Erzählweise, bringt kreative Kameraeinstellungen mit und unterfüttert mit einem hörenswerten Score, der die Effekte unterstreicht. Olivia Taylor Dudley gelingt es, die zwischen unschuldiger junger Frau und ultimativ diabolischem Kelch changierende Angela Holmes auf den Punkt zu spielen. Das Ende löst sich von der Vorhersehbarkeit des Genres. Haben wir einen anderen Film gesehen als Kate Muir und Mary Ann Johanson mit den eben zitierten rezensierenden Ohrfeigen? Geschmäcker sind verschieden; unseren hat „The Vatican Tapes“ als Mystery-Thriller mit Horrorelementen getroffen.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Bei ihrer Geburtstagsfeier verletzt sich die junge Angela Homes, als sie den Kuchen anschneidet. Sie hasst Kliniken, lässt aber ihre Wunde notgedrungen dort vernähen. Auf der Rückfahrt im Bus verspürt sie einen unstillbaren Durst und trinkt Wasser in großen Mengen. Eine Krähe durchbricht die Scheibe des fahrenden Busses und hackt Angela in den verletzten Finger. Zuhause angekommen stürzt sie mehr Wasser in sich hinein, spricht laut und wirkt auf ihren Freund Pete wie betrunken. Sie verliert vorübergehend das Bewusstsein und wird als Notfall in das St. Mary’s Hospital eingeliefert, wo sie über Nacht zur Beobachtung bleibt. Die Blumen, die ihr Freund Pete mitbringt, verwelken, als er an das Krankenbett tritt. Auf der Rückfahrt im Taxi greift sie dem Fahrer ins Lenkrad, der Wagen überschlägt sich. Ihr Vater und ihr Freund, die ebenfalls im Taxi sitzen, bleiben unversehrt, Angela kommt zum dritten Mal in die Klink und fällt in ein Koma.

Nach 40 Tagen geben die Ärzte auf, der Pater Lozano wird hinzugerufen. Als er bei der Krankensalbung ein Gebet spricht und die lebenserhaltenen Geräte abgeschaltet werden, kehrt Angela, von den Ärzten für unmöglich gehalten, zurück. „It’s a miracle!“, ruft der Pater aus. Nachts begibt sich Angela in die Neugeborenenstation und ist im Begriff, ein Baby zu ertränken, als das Sicherheitspersonal der Klinik sie stoppt. Die Ermittlungen ergeben, dass die Tür verschlossen war, auch während ihres Aufenthalts im gesicherten Bereich. Niemand kann sich erklären, wie Angela dort hineingelangen konnte. Die Polizei wird hinzugezogen. Als Detective Simmons Angela vernimmt, verlässt er den kurz den Raum und kehrt mit zwei Glühlampen in seinen Händen zurück. Nach einem Blick von Angela rammt er sich die Leuchtmittel gegen einen eigenen Widerstand wiederholt in das Gesicht.

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Angela wird in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Als Pete sie dort besucht, berichtet sie eindringlich von Wahrnehmungen während ihres Komas; von Stimmen in einer fremden Sprache und Geräuschen, die sie in dieser Zeit gehört hätte. „Something is coming together. Something bad is gonna happen, and I don’t know what it is.“ Trotzdem sie flüstert, blicken die übrigen Patienten allesamt in ihre Richtung. Ihre Therapeutin Dr. Richards führt eine Einzelsitzung mit ihr durch. Sie möchte, dass sich die Patientin öffnet: „I just want to be honest with you. Can you be honest with me?“ Das könne sie nicht, erwidert die Patientin, denn die Therapeutin selbst sei nicht ehrlich.

Nach der Arbeit sehe sie ihren eigenen Psychiater, bei dem sie sich über die Patienten beschwert, und über ihren Liebhaber, der nach den Treffen mit ihr zu seiner Frau zurückkgeht. Mit dem sie gerade im Auto schlief, auf den Parkplatz vor der Schule seiner Tochter. Die Ereignisse nehmen Fahrt auf: Angela lässt die Betondecke über einem Pfleger einstürzen und murmelt aramäische Worte durch die Wand des Aufenthaltsraums, was die Patienten in wilder, brutaler Gewalt die Pfleger attackieren lässt. Sie entwickeln übermenschliche Kräfte, ein Mann lässt zwei Krücken fallen und springt mit einem Drachentritt in die Brust eines Angegriffenen. Pfleger wie Patienten sterben.

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Pater Lozano konsultiert den Vatikan. Dort sichtet Kardinal Matthias Bruun Videoaufzeichnungen aus der Klinik und erkennt das Werk des Antichristen in der auffälligen jungen Frau. Er reist zu Angela und verabreicht ihr die Eucharistie, um so herauszufinden, ob sie besessen ist. Was sich dann ereignet, sprengt den Horizont des erfahrenen vatikanischen Experten für Exorzismen. Es geht nicht mehr allein um die Seele einer jungen Frau; von einem Moment auf den anderen gerät die gesamte Menschheit in Gefahr…

Das Buch der „Vatican Tapes“ schafft von Beginn an Fakten: Die Experten im Vatikan sehen in einem gefilmten Interview mit Angela für Bruchteile einer Sekunde eine Fratze aufblitzen und erkennen den Antichristen, der aus dem Gesicht der jungen Frau springt. Schon mit dem Auftakt ist der Zuschauer in einem paranormalen Thriller angekommen, der ihn nicht wie andere Vertreter des Genres rätseln lässt, ob das Opfer nun besessen ist oder nicht. In Mark Neveldines Produktion ist der Satan real und steckt mitten in der unschuldigen Hauptfigur.

Die Anlehnung an „Found Footage“-Filme, die bereits der Titel nahelegt, ist mannigfaltig. Der Auftakt erwähnt Aufzeichnungen seit dem frühen 20. Jahrhundert, zeigt Videos mit Störungen und Interviews mit Vatikansprechern, vermeintlich authentisch. Selbst der amtierende Papst wird instrumentalisiert und darf auch bei Mark Neveldine zu Wort kommen: „Pope Francis has declared the devil is here“. Um den fiktiven dokumentarischen Charakter zu unterstreichen, sind einige der Einspielungen mit Timecodes und einem Datum versehen – bei dem das Jahr allerdings regelmäßig offenbleibt.

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„Und das Tier ward gegriffen und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen tat vor ihm, durch welche er verführte, die das Malzeichen des Tiers nahmen und die das Bild des Tiers anbeteten; lebendig wurden diese beiden in den feurigen Pfuhl geworfen, der mit Schwefel brannte.“ Wie die am Ende ziterte Passage aus der Offenbarung, 19:20, sehen einige Kritiker Mark Neveldines Werk selbst als Besessen an. Auf Rotten Tomatoes wird der Horror-Film mit 21% im Tomatometer verprügelt. Absurd und lächerlich sind einige der dort verwendeten Attribute, und „some of the daftest exorcism scenes you’ll see“; letzteres findet Kate Muir in der britischen „Times“. MaryAnn Johanson von „Flick Filosopher“ sieht die Messlatte des Sujets Exorzismus per se tief und meint, dass die „Vatican Tapes“ selbst diese noch reißt („The demonic-possession subgenre isn’t exactly one crammed with quality cinematic experiences, but it hits a dull, unscary new low with this inept flick.“)

So schlimm? Nein, keineswegs. Im Gegenteil. Mit einer dichten Handlung gelingt es den Autoren, die Aufmerksamkeit des Zuschauers bis zum überraschenden Ende zu binden. Die Spannung verläuft oszillierend wie eine Sinuskurve mit wachsenden Amplituden.

Gerardo Mateo Madrazo an der Kamera gelingen kreative Einstellungen, etwa aus dem überschlagenen Taxi, das auf dem Dach über die Straße schlittert oder die Fahrt unter einer Flurdecke. Mit Detailaufnahmen erzählt die Kamera, etwa beim Verharren auf dem Crime Scene-Tape oder auf dem „Drowning Hazard“-Aufkleber auf der Babywanne, der erst die Tötungsabsicht am Neugeborenen nahelegt. Sicher wäre die Kameraperspektive aus der Mikrowelle verzichtbar gewesen; doch insgesamt ist der Film visuell sehr gelungen und kreativ. Mit Gegenlicht und Weichzeichnung werden Stimmungen etabliert und Mystik erzeugt. Das Sounddesign unterstützt diese Effekte wirksam, die Mischung mit den Dialogen gelingt ungewöhnlich gut: Während die Effekte kraftvoll kommen, ist es nicht nötig, bei den Spitzen herunter zu regeln und bei Dialogen wieder anzuheben.

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„The Vatican Tapes“ geizt nicht mit Schockeffekten und geht damit schon zu Beginn ins Rennen. So muss die vermeintlich leblose Krähe im Bus noch einmal zum Leben erwachen und mit ihrer abrupten Attacke Schockpunkte addieren, nachdem sie eh schon mit einem Knall durch die Scheibe gekommen ist. Diese Momente werden jedoch nicht überstrapaziert und im Verlauf subtiler. Dank der Soundingenieure darf auch Angela selbst noch einmal einen Knalleffekt auslösen, als sie ihrem schlafenden Freund zuhause erscheint, während sie physisch in der geschlossenen Abteilung der Klinik ist.

Und ja, auch Blut und Gewalt kommen vor, teils vehement. Dennoch findet die Erzählweise ihren Kernrhythmus in mystischen Elementen, und dies gelingt sehr gut und unterhaltsam. Es mag sein, dass die oberflächliche Ursache der Bessesenheit durch einen Schnitt in den Finger etwas uninspiriert erklärt wird, aber das große erzählerische Bild stimmt. Auch die zahlreichen invertierten Referenzen zu Jesus Christus (40 Tage im Koma/40 Tage in der Wüste, eine Prostituierte zur Mutter/eine Jungfrau zur Mutter, schwarzer Rabe/weiße Taube) sind im Kanon der „Tapes“ schlüssig eingeflossen.

Hauptdarstellerin Olivia Taylor Dudley sielt die Rolle der Angela Holmes sehenswert und verschmilzt die Pole zwischen der unschuldigen jungen Frau und dem ultimativ Bösen flüssig, auch innerhalb von Szenen. Sie lässt ihre Augen den Wandel vermitteln. Sie ist der „anchor“, die „engine“ des Films, sagt Regisseur Mark Neveldine im „Making of“. Dudley selbst verrät an der selben Stelle, dass ihr das Lesen der Drehbücher Alpträume bereitete; sie sei sich nicht sicher gewesen, wie schnell sie wieder aus der Rolle herauskommt. Sprachlich zeigt die Hauptdarstellerin eine beachtliche Leistung, sofern sie die aramäischen Passagen selbst eingesprochen hat. Dann ist das eine tolle Leistung von ihr und ihrem Coach; denn gerade für eine US-Amerikanerin sind die Laute schwer zu meistern. In beiden Sprachversionen sind diese Szenen übrigens nicht mit Untertiteln unterlegt. Das schmerzt nicht, denn es addiert Mystik und versetzt den Zuschauer in die Handlung, in der auch das Umfeld diese Worte nicht versteht.

Sorry, Kate und MaryAnn, wir haben vermutlich tatsächlich einen anderen Film gesehen als ihr.

Das Bonusmaterial ist erfreulich umfangreich. Rund eine halbe Stunde lang lässt das „Tale of the Tapes“ betitelte „Making of“ Cast und Crew über den Film und übereinander zu Wort kommen. Olivia Taylor Dudley und Michael Peña geben Einzelinterviews von 2 und 3 Minuten, die Featurette „Dämonische Besessenheit“ gibt über 3:30 Minuten einen kurzen Einblick in das Thema. Ein Trailer rundet das Zusatzmaterial ab.

Ruft man während des Films das Disc-Menü auf, blendet es sich in die rechte untere Ecke in Kreuzform ein, während das Filmbild erhalten bleibt. Das ist ein schöner Effekt.

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Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
1.) Dämone, Geister, Paranormalität: Nennt uns Euren Lieblingsfilm aus dem Genre des Okkulten! Schön wäre eine kurze Begründung, warum Euch ausgerechnet dieser Film so gut gefällt.
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Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

2x den Soundtrack „The Vatican Tapes“ und
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Dazu habt ihr bis zum 31.12.2015 bis 24.00 Uhr Zeit.

Das Gewinnspiel wird von www.film-blog.tv veranstaltet, die Teilnahme ist kostenlos. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie von www.film-blog.tv
dürfen nicht mitmachen.Gehen mehr richtige Antworten ein, als Preise zur Verfügung stehen, lassen wir das Los entscheiden, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

Universum Spielfilm präsentiert „The Vatican Tapes“ ab 11. Dezember 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensions- und die Gewinnspielpreise wurden von Universum Film GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: The Vatican Tapes
Land / Jahr: USA / 2015
Genre: Thriller, Horror
Darsteller: Olivia Taylor Dudley: Angela Holmes; Kathleen Robertson: Dr. Richards; Michael Peña: Father Oscar Lozano; Djimon Hounsou: Vicar Imani; Dougray Scott: Roger Holmes; John Patrick Amedori: Peter „Pete“ Smith; Peter Andersson: Cardinal Bruun; Tehmina Sunny: Reporter; Bruno Gunn: Damon; Daniel Bernhardt: Psych Ward Security; Noemi Gonzalez: Maria; Ashley Gibson: Ashley; Alex Sparrow: Dr. Kulik; Jarvis W. George: Detective Simmons u. a.
Regie: Mark Neveldine
Drehbuch: Christopher Borrelli, basierend auf einer Erzählung von Christopher Borrelli und Chris Morgan
Produzenten: Chris Cowles, Gary Lucchesi, Chris Morgan, Tom Rosenberg
Kamera: Gerardo Mateo Madrazo
Schnitt: Eric Potter
Musik: Joseph Bishara
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 91 Min.+ Bonus
Bildformat: 1,85:1 (1080p/24)
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Extras: 30 Minuten Making of („Tale of the Tapes“), ca. 30 Min. Interviews (Olivia Taylor Dudley ca. 2 Min., Michael Peña ca. 3 Min., Featurette „Dämonische Besessenheit“ ca. 3:30 Min., Trailer, Wendecover

Webseite zum Film: The Vatican Tapes