Tiefe Wunden: Alte Feindschaft stirbt nie

wunden_coverDer Holocaust-Überlebende David Josua Goldberg wurde in seinem Haus regelrecht hingerichtet. Der Mörder schrieb mit dem Blut des Opfers die Zahl „16145“ auf den Flurspiegel. Bei der Obduktion findet der Gerichtsmediziner Henning Kirchhoff Reste einer Tätowierung, wie sie bei der Waffen-SS üblich war.
Weitere Morde werden nach dem gleichen Muster verübt. Warum bringt jemand drei alte Menschen um? Und was bedeutet die mysteriöse Zahl? Jedes Opfer stand in Beziehung zu der bekannten Unternehmerwitwe Dr. Vera Kaltensee…

Film-Blog.tv meint:
Regisseur Marcus D. Rosemüller legte mit „Tiefe Wunden“ 2014 einen dichten Krimi vor, der atmosphärisch überzeugt. Das Buch von Anna Tebbe nach Romanmotiven von Nele Neuhaus bringt 90 Minuten intelligente Spannung auf den Bildschirm, die vom gesamten Ensemble auf den Punkt dargestellt wird. Zwei eng verwobenen Handlungsstränge, die siebzig Jahre auseinanderliegen, beinhalten grausame Verbrechen, die Menschen ihr Leben lang verfolgen und nach Jahrzehnten weiter tödlich sind.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

16145. Was bedeutet diese Zahl, die mit dem Blut des zweiundneunzigjährigen Mordopfers Joshua David Goldberg an die Scheibe geschrieben wurde? Er lebte als KZ-Überlebender 60 Jahre in den USA, um seinen nun verkürzten Lebensabend in der Heimat zu verbingen. Seine enge Freundin, die erfolgreiche Maschinenproduzentin Vera Kaltensee, erhält die Todesnachricht an ihrem 90. Geburtstag.

Bei der Obduktion findet sich eine entfernte Blutgruppentätowierung am Körper des ermordeten Goldberg. Die Frakturschrift weist darauf hin, dass er ein frühes Mitglied der Waffen-SS war. Wie passt das mit der Religion des Toten zusammen?

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Kurz darauf wird ein weiterer Freund der Unternehmerin tot aufgefunden. Es ist Hermann Schneider, Jahrgang 1926. In seiner Wohnung finden die Ermittler ein Heimkino mit Propagandafilmen aus dem Dritten Reich auf Spulen. Und Kontoauszüge: das Mordopfer hat monatliche Zahlungen in Höhe von 5.000 Euro von der Maschinenfabrik Vera Kaltensees erhalten. Auch bei ihm findet sich eine Tätowierung der Waffen-SS. Die Zahl 16145 taucht erneut auf, in seinem vergossenen Blut geschrieben.

Die Todesserie setzt sich fort. Das dritte Opfer ist Anita Frings, die in einem Altenheim lebte. Neben einem aufgesetzten Kopfschuss wurden Schüsse in beide Knie abgegeben. Auf ihrem Rücken ist eine Zahl in Blut geschieben: 16145, ein weiteres Mal. Erneut führen Spuren zur Familie Vera Kaltensees, sie hat die alte Dame in dieser Einrichtung untergebracht.

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Aus welchem Grund wurden die drei alten Menschen getötet? Und es ist noch nicht vorbei, weitere Menschen im idyllischen Taunus sind in Gefahr. Restaurator Markus Nowak wird überfallen und gefoltert, und Thomas Ritter, vormals Sekretär Vera Kaltenbergs und nun ihr Biograph, wird entführt.

Das Motiv der Taten liegt nicht in der Gegenwart, und nicht im Taunus. Die Ermittler finden eine Spur, die nach Ostpreußen in der Zeit des endenden Zweiten Weltkriegs führt. Dort ereignete sich ungeheuerliche Ereignisse, die das Leben vieler Menschen nachhaltig veränderten und bis in die Gegenwart reichen – tödlich…

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Alle Achtung: In „Tiefe Wunden“ wird der Taunus wieder mörderisch, und dies wird er dank Regisseur Marcus Rosemüller auf eine sehr unterhaltsame Art.

„Tiefe Wunden“ vermittelt eine intelligente Handlung, die auf zwei zeitlichen Ebenen während des zuendegehenden Zweiten Weltkrieges und in der Gegenwart spielt. Anna Tebbes Drehbuch nach Motiven von Nele Neuhaus trägt die Spannung über die vollen neunzig Filmminuten. Der gesamte Cast spielt sehenswert und verkörpert die Charaktere authentisch.

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Neben Gudrun Landgrebe als Verlegerin hat auch Dieter Hallervorden eine fantastische Nebenrolle. Als Rock’n’Roller im fortgeschrittenen Alter füllt die Humorlegende seinen Auftritt höchst unterhaltsam; er leide an Parkinson, nicht an Alzheimer, rückt er gegenüber der Ermittlerin Pia Kirchhoff zurecht. Das ist sicher eine Referenz an die in diesem Zeitraum entstandene Tragikomödie „Honig im Kopf“.

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Die Kamera zeichnet ein klares Bild und weiß Licht in Szene zu setzen. Besonderen Charme zeigen die historischen Szenen, die jeweils eine eigene Interpretation in den Farben finden. Die überwiegend sachliche Fotografie nimmt sich die Freiheit, den Mord an Anita Frings visuell zu zelebrieren; in der Silvesternacht vermischen sich die Schüsse und das Blut der ängstlichen Frau mit dem Feuerwerk.

Der Ton ist ausgewogen und deutlich, die Dialoge sind klar verständlich. Untertitel für Hörgeschädigte machen die Produktion einem größeren Zuschauerkreis zugänglich.

Am Ende des Films darf dann sogar das bisher auffallend distanzierte „Sie“ zwischen den beiden Ermittlern Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein fallen. Bei solch spannend inszenierten Fällen begleiten wir sie gerne auch als Pia und Oliver weiter bei ihren Ermittlungen im mörderischen Taunus.

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Das üppige Bonusmaterial gibt in 30 Minunten spannende Einblicke in die aufwendige Produktion und Filmtechnik insgesamt. In „Kamera läuft“ sehen wir unter anderem auch den Opelzoo aus „Mordsfreunde“ wieder, was aber passt, denn es geht um die Serie „Taunuskrimis“ insgesamt. Unter anderem sehen wir, wie die Luftaufnahmen über dem See mit einem Gyrocopter entstehen.

Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „Tiefe Wunden“ ab 27. Februar 2015 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

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Originaltitel: Tiefe Wunden
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Krimi
Darsteller: Tim Bergmann, Felicitas Woll, Nicole Heesters, Kai Scheve, Michael Schenk u. a.
Regie: Marcus O. Rosemüller
Drehbuch: Anna Tebbe
Produzenten: Carsten Kleber, Annette Reeker, Levon Melikian
Musik: Martin Stock
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 90 Min. + ca. 30 min. Bonus
Bildformat: 1,77:1 / 16:9
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch
Extras: Trailershow; Making of Teil 2 – Von den Dreharbeiten bis zur Filmmusik: Und Bitte! – Die Dreharbeiten; Und Action! – Stunts am Filmset; Kamera läuft; Outtakes; Postproduktion – Farbkorrektur und visuelle Effekte; Postproduktion – Filmmusik

“ Tiefe Wunden“ in der Mediathek des ZDF