Toilet Stories: Enzy-klo-pädie der menschlichen Abgründe

toilet_coverLeistungsschwimmerin Loni hat ein Problem: die Doping-Kontrolle steht an. Aber der Mannschaftsarzt bewahrt einen kühlen Kopf. Währenddessen wird auf einer öffentlichen Toilette ein älterer Herr von Randalierern überrascht, doch sie wissen nicht, wen sie vor sich haben. In einem Baumarkt muss Herr Rolfes in seiner Mittagspause hingegen die unglaubliche Lebensbeichte aus der Nachbarkabine abnehmen. Mit oft sarkastischem Unterton erzählt TOILET STORIES in fünf Handlungssträngen vom alltäglichen Wahnsinn auf deutschen Toiletten – Moral und Anstand bleiben dabei buchstäblich ausgeschlossen. Da nutzt ein windiger Vertreter die schwierige Situation seiner älteren Kundschaft schamlos aus und zwei ehemalige Freundinnen starten am Rande einer piekfeinen Galaveranstaltung ihren alles andere als feinen Zickenkrieg …

Film-Blog.tv meint:
Als man uns diesen Titel vorstellte und fragte, ob wir ihn besprechen wollen, waren wir skeptisch. Toilettengeschichten? Doch die Schwarze Komödie von Sören Hüper und Christian Prettin blickt weniger in Klos als in menschliche Abgründe. Was sich in diesem crowdfinanzierten Indepentfilm so auftut, kann abstoßender sein als das, was sich dem Sanitärreinigungspersonal hin und wieder so in der Keramik darstellt. In lose montierten Episoden öffnen sich Fenster in die handelnde Intimität von Menschen, und dies dank intelligenter Schreibe und wirklich tollen Darstellern höchst unterhaltsam! „Toilet Stories“ überrascht und amüsiert über die volle Länge und ist eine uneingeschränkte Empfehlung.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

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Frau Schohusen möchte eine Erhöhung für den Toilettensitz. Der Pflegedienst hat es empfohlen, denn sie bekommt ihren Mann Willi nach seinem Schlaganfall nicht mehr vom Klo. Der ausgesprochen klamme Verkäufer Tapken wittert die Chance, eine seiner japanischen Hightech-Toiletten loszuwerden. Gar nicht einfach bei einer resoluten älteren Dame, die 302 Gramm an der Fleischtheke reklamiert, wenn sie 300 Gramm gewünscht hat. Doch Tapken zeigt Verkaufstalent. Der Flachspüler aus den Siebzigern soll nicht nur mit einem Lokus 4.0 ersetzt werden, der den Puls misst und Blutzuckerwerte online an den Hausarzt übermittelt; das ganze Bad soll grundsaniert werden. Für 18.137 Euro inklusive Steuer, 15% Rabatt schon runter. Und den nicht vorhandenen Internetanschluss für die kommunikative Sanitärkeramik? Das bekommt der Herr Tapken auch schon hin, versichert er. Er kennt da jemanden. Seine Strategie für den Megadeal: Angst erzeugen. Könnten die Bleirohre nicht für Willis Schlaganfall verantwortlich sein? Und was wäre, wenn Willi ohne ein neues, beschwerdegerechtes Bad in ein Pflegeheim müsste? Im Szenario des Klohandelnden droht dort mindestens gleichgeschlechtlicher Missbrauch. Doch dann passiert etwas Unerwartetes mitten im Verkaufsgespräch, und lässt Tapken moralische Abgründe beschreiten, die seine bisherige Skrupellosigkeit noch in den Schatten stellen…

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Martin Rolfes möchte im Baumarkt nur in Ruhe seine Mittagspause beenden. Ausgerechnet dabei verirrt sich Herr Jansen, ein Kunde, auf die Personaltoilette. Allerdings verirrt er sich gezielt, denn er will bei dem ihm unbekannten „netten jungen Mann aus der Gartenabteilung“ eine Lebensbeichte ablegen. Vor mehr als dreißig Jahren verlor er seine Frau und eine Tochter bei einem Gewaltverbrechen, erzählt er. Weil er sie nicht wie sonst mit dem Auto von Tante Irmgard abgeholt hat, es war Skat. Und der Bus wurde den beiden zum Verhängnis. Heise, die Bestie von Barsbüttel, wurde geschnappt, aber aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt. Seit dem 3. Oktober 1979 hat Jansen ein dunkles Geheimnis, und Martin Rolfes soll wider dessen Willens sein Beichtvater sein. Während der alte Mann über einen unglaublichen Akt der Selbstjustiz spricht, bringt ihn eine aktuelle Entwicklung an den Rand des Fassbaren…

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Kevin und Tarkan suchen Streit. Die Heranwachsenden haben sich Mut angetrunken und finden auf einer verfallenen öffentlichen Toilette in Manfred Kasunke ein Opfer ganz nach ihrem Geschmack. Sie provozieren ihn, schlagen ihn nieder und urinieren auf ihn. Das unreife Duo ist im Begriff, den Tatort albernd zu verlassen, als ihr Opfer zu Bewusstsein kommt. Der Abort wandelt sich in eine Hölle der Brutalität. Einer der drei Männer verlässt den Raum nicht mehr lebend…

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Loni Nordahl, der „Barracuda aus Brandenburg“, schwimmt auf einer Erfolgswelle: sie hat soeben einen Europarekord im Schwimmen aufgestellt, und die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in sechs Wochen ist in Griffweite. Eine Nachricht bringt ihre gesamte Welt in Gefahr: „Die Kleinschmidt ist unterwegs“. Frau Kleinschmidt ist eine kompromißlose Dopingkontrolleurin, die alle Tricks kennt und von Lonis Europarekord angezogen wurde. Das ist nicht gut: Die junge Spitzensportlerin ist mit leistungssteigernden Substanzen vollgepumpt. Ihr Sportarzt, Dr. Maximilian Dietrich, eilt herbei und versucht zu retten was zu retten ist, doch das ist gar nicht so leicht, wenn die Gegenseite alle Tricks der Dopingszene kennt. Es gibt noch einen Weg, doch der ist hart. Loni geht auf’s Ganze, ihr sportlicher Traum darf um keinen Preis gefährdet werden…

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Patricia ist eine neureiche Trulla. Die ungebildete Frau eines vermögenden Mannes ist herzlos und überheblich. Als sie im luxoriösen Waschraum eines Fünf Sterne-Hotels mit Sofaecke auf ihre langjährige Freundin Charlotte trifft, plappert sie selbstverliebt aus ihrem Leben. Als sie sich abewertend mit ihrer Affäre brüstet, berührt sie unwissentlich eine wesentliche Schnittstelle zu Carlottes Welt und bemerkt in ihrer Egozentrik nicht die Erschütterung ihrer Freundin. Das soll ernste Konsequenzen haben…

Das titelprägende Klo ist bei Sören Hüper und Christian Prettin Statist. Nicht der Ekel vor dem, was Menschen gemeinhin so auf der Toilette tun, steht bei ihnen im Vordergrund, sondern die Abscheu vor menschlichen Abgründen. Abzocke. Sadismus. Lügen. Arroganz.

Seine Darsteller machen ihre Sache dabei verdammt gut. Ihre Spielfreude und das amüsant-skurrile Buch treiben die crowdfinazierte Indie-Produktion aus 2014 an, und es macht Spaß, den oft schwarzen Humor der inspirierten Komödie zu entdecken. Sämtliche Beteiligten überzeugen durch Gestik, Mimik und ein schönes Timing. Man nimmt ihnen ihre Charaktere ohne Einschränkung ab, über den gesamten weiten Bogen, den sie aufspannen. Die Darsteller vermitteln Tiefe in der Leichtigkeit des Gesamtwerks.

Dazu addieren sich amüsante Kleinigkeiten, wie die Geräuschkulisse des Holzuschnitts, als das Baumarkt-Personalklo eine ohnehin schon mehr als ungewöhnliche Plattform für die Lebensbeichte eines Menschen mit einem dunklen Geheimnis bietet. Hüper und Prettin macht es Spaß, schräge Details in die fragwürdigen Szenarien zu mischen. Anscheinend ist die Vorbereitung ihrer Athletin für den manipulierten Dopingtest noch nicht grenzwertig genug; der Kaffeebecher des Docs muss noch neben dem Becher mit Fremdurin platziert werden, und wird dabei immer wieder in Szene gesetzt. Kleine Überzeichnungen wie diese machen in den „Toilet Stories“ einfach Spaß.

Sechs Wochen nach den Geschehnissen bilanziert das Ende des Films einige der Entwicklungen. Drei von dreizehn Protagonisten überleben diesen Zeitraum nicht…

Die vorher kaum verbundenen Episoden finden damit ein wenig zusammen; das erinnert an Der kleine Tod, dessen Ansatz nicht ganz weit von dieser Hüper/Prettin-Produktion entfernt ist. Trotz der Ähnlichkeit im Ansatz und der Erzählweise sind beide Filme sehr eigenständig, und vor allem sehenswert.

Dualfilm Verleih präsentiert „Toilet Stories“ ab 25. September 2015 auf DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Dualfilm Verleih zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Toilet Stories
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Komödie, Independent
Darsteller: Manfred Kasunke – Rudolf Waldemar Brem; Tarkan – Hüseyin Ekici; Frau Schohusen – Marie Anne Fliegel; Martin Rolfes – Josef Heynert; Werner – Siegfried Kernen; Patricia – Dorkas Kiefer; Michi – Helmut Krauss; Kevin – Philipp Kronenberg; Herr Jansen – Peter Maertens; Herr Tapken – Horst-Günter Marx; Ludmilla Svoboda – Claudia Rieschel; Willi Schohusen – Michael von Rospatt; Charlotte – Anne Weinknecht; Loni Nordahl – Teresa Weißbach; Dr. Maximilian Dietrich – Anian Zollner u. a.
Regie: Sören Hüper, Christian Prettin
Drehbuch: Sören Hüper, Christian Prettin
Produzenten: Sören Hüper, Volker Redeker, Dirk Roggan, Mario Mosner
Kamera: Dominik Friebel
Schnitt: Andreas Bardet
Musik: Johannes Bahlmann
FSK: 16

DVD
Laufzeit: ca. 90 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9 (1.85:1)
Tonformat: DD 5.1
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Englisch
Extras: Trailer, Trailershow

Webseite zum Film: Toilet Stories