Turning Tide – Zwischen den Wellen: Einmal um die Welt, um sich selbst zu finden

turningtide_coverYann Kermadecs größter Traum ist es, einmal an der Vendée Globe teilzunehmen, der härtesten Einhandsegler-Regatta der Welt. Als sein Freund Franck Drevil kurz vor dem Startschuss ausfällt, ergreift er die Chance beim Schopf: Er springt spontan für den Kollegen ein und verspricht seiner Freundin Marie und Tochter Léa so oft wie möglich in Kontakt zu bleiben. Das risikoreiche Segelrennen hat schon so mancher mit dem Leben bezahlt – doch Yann hat das Ziel fest im Blick: Er hat keine Angst vor der monatelangen Einsamkeit auf dem Meer, fürchtet weder die gewaltigen Seestürme, noch die körperliche Erschöpfung.

Film-Blog.tv meint:
Man sollte schon ein gewisses Interesse für den Segelsport mitbringen. Dann ist „Turning Tide – Zwischen den Wellen“ ein Film, der von der ersten Minute an fesselt. Das Zusammenspiel von Mensch, Natur und Technik wird perfekt auf die Leinwand gebracht: Gefilmt wurde von einem 16-köpfigen Kamerateam auf einer Yacht, die das Vendée Globe bestritten hat. Auf offener See.
Die menschliche Seite – Einsamkeit, Erschöpfung – kommt dabei vielleicht ein wenig zu kurz. Spätestens als mit Mano Ixa der mauretanische Flüchtling, der auf ein besseres Leben und ärztliche Behandlung in Frankreich hofft, auf dem Boot erscheint, hätte man Diskussionen über Armutsmigration und den Sinn oder Unsinn millionenschwerer Sportveranstaltungen erwartet (oder befürchtet?). Das wird zwar kurz angerissen, aber nicht ausführlich thematisiert. So ist „Turning Tide – Zwischen den Wellen“ ein realistischer Sportfilm, schon fast dokumentarischem Charakter geworden. Was ja auch mal ganz schön ist.

Bereits am dritten Tag der Vendée Globe, dem härtesten Segelrennen der Welt, belegt Newcomer Yann Kermadec einen beachtlichen zweiten Platz in der Gesamtwertung. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Denn eigentlich ist Yann nur ein Ersatzmann, in letzter Sekunde eingesprungen für seinen alten Freund und Arbeitgeber Franck, der kurz vor dem Start der legendären Non-Stop-Regatta für Einhandsegler einen Motorradunfall hatte und nun mit einem Gipsbein durch die Gegend humpelt.

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Yann, bislang als Francks rechte Hand im Hintergrund tätig, steht plötzlich im Mittelpunkt des Interesses, und im Hauptquartier der Vendée Globe in Les Sables d’Olonnes an der französischen Atlantikküste herrscht bei den meisten Beteiligten großer Optimismus, dass er sich wacker schlagen wird. Franck, der Yann über das Satellitentelefon mit Rat und Tat zur Seite steht, erwartet allerdings nichts weniger als einen Sieg von seinem Kumpel, und außerdem, dass er pfleglich mit „seinem“ Boot umgeht. Und noch eine drückt kräftig die Daumen, wenn auch aus anderen, persönlicheren Gründen: Francks Schwester Marie ist Yanns Lebensgefährtin, die zudem versprochen hat, sich in seiner Abwesenheit um dessen Tochter aus erster Ehe zu kümmern. Ein Job, den ihr die zunächst dickköpfige Kleine nicht gerade leicht macht.

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Bei Yann läuft an Bord zunächst alles nach Plan. Richtig gefährlich und anstrengend, das weiß der erfahrene Segler, wird der Meeresmarathon ohnehin erst, wenn er und seine Konkurrenten den Atlantik überquert haben und Kurs auf das Kap der Guten Hoffnung nehmen, um dann anschließend wochenlang gegen die extremen Wetterbedingungen im Südpolarmeer anzukämpfen. Und doch schreckt Yann am siebten Tag – aktuelle Position: Platz sieben – aus kurzem Schlaf auf, weil ein Geräusch in sein Bewusstsein dringt, das eigentlich nicht sein dürfte. Schnell stellt er fest, dass ein Gegenstand bei einer Kollision mit dem Schiff das Ruderblatt stark beschädigt hat. Der Zwischenfall bedeutet zwar nicht das Aus für Yann, aber doch eine Zwangspause von mindestens zwei Tagen. Enttäuscht, aber nicht entmutigt, hält er auf die Kanarischen Inseln zu, wo er in einer ruhigen Bucht, ohne Hilfe von außen – das würde die sofortige Disqualifikation bedeuten – die nötigen Reparaturen durchführt. Als er endlich ins Rennen zurückkehren kann, hat er viel Zeit zur Konkurrenz verloren, doch Yann ist ein Kämpfer und zuversichtlich, dass er mit der richtigen Taktik verlorenen Anschluss schnell wieder gut machen kann.

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An Bord kehrt sofort wieder der Alltag ein: unablässige Arbeit, wenig Schlaf und hin und wieder telefonischer Kontakt mit Franck und Marie, was die große Einsamkeit auf der 24.000 Seemeilen langen, schier endlosen Strecke ein wenig erträglicher macht. Wenn es die Umstände erlauben, schickt Yann seiner Tochter E-Mails mit einem Foto des täglichen Sonnenuntergangs: kurze, wertvolle Momente der Besinnung und der gefühlten Zweisamkeit. Dass er tatsächlich nicht mehr allein an Bord ist, könnte sich Yann allerdings nicht mal in seinen wildesten Träumen vorstellen. Und so glaubt er seinen Augen nicht zu trauen, als er am 13. Tag des Rennens – wegen der Zwangspause belegt er nur noch Rang 15 – zum Bug schaut.

Und sich dort, nur ein paar Meter vor ihm, tatsächlich die Kabinenluke öffnet. Unbemerkt von Yann, ist während des Zwischenstopps auf den Kanaren, der 16-jährige Mano an Bord gekommen. Der blinde Passagier spricht nur gebrochen Französisch, macht ihm aber begreiflich, dass er aus Mauretanien stammt und nach Frankreich will, um sich dort bei einem Arzt behandeln zu lassen, der auch schon seinem Onkel geholfen habe. Yann ist fassungslos, weil sich die Vendée Globe, die für ihn so aussichtsreich begonnen hatte, immer mehr zu einem Hindernislauf entwickelt. Er versucht zunächst – soweit es auf dem engen Raum überhaupt geht – Mano zu ignorieren. Ihr Kontakt beschränkt sich in den ersten Tagen aufs Allernötigste. Allerdings gibt Yann dem verängstigten Jungen unmissverständlich zu verstehen, dass er ihn bei der nächst besten Gelegenheit, nämlich dann, wenn sie an der im Südatlantik gelegenen Insel Tristan da Cunha vorbei kommen, dort absetzen wird. Über Bord werfen könne er ihn ja wohl schlecht, fügt er in einem Anflug von Galgenhumor hinzu.

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Nicht nur, dass die Regeln der Vendée Globe besagen, dass Teilnehmer die Weltumrundung allein bewältigen müssen, für ein Leben zu zweit ist das Schiff einfach nicht vorgesehen. Es scheint, als würde der Sieg oder zumindest eine achtbare Platzierung, in immer weitere Ferne rücken. Noch ist Yann allerdings nicht bereit, kampflos aufzugeben.

Das Schicksal macht ihm erneut einen Strich durch die Rechnung. Denn just, als Tristan da Cunha in Sicht kommt, erhält Yann einen Anruf von der Kommandozentrale der Vendée Globe: Eine Konkurrentin ist mit ihrem Schiff gekentert. Da seine Position ihrer am nächsten ist, muss er sofort den Kurs ändern und ihr zur Hilfe zu kommen. Als Yann und Mano die Unglücksstelle erreichen, treibt das Segelboot kieloben in der Weite des Atlantiks. Von der Seglerin fehlt jede Spur. Mehrfach umrundet Yann das Boot, doch auf seine lauten Rufe reagiert niemand. Erst als er einen Schraubenzieher hinüber wirft und damit den Rumpf trifft, öffnet sich eine Klappe an der Seite der Yacht: Mag hat sich in eine Luftblase unter Deck retten können. Obwohl er Mano den Befehl gegeben hatte, sich zu verstecken, merkt Yann schnell, dass dieses Versteckspiel sinnlos ist. Er weiht Mag in die Umstände ein, und sie verspricht, dieses Geheimnis für sich zu behalten. Ein paar Tage später holt die Rennleitung die junge Frau von Yanns Boot.

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Fest entschlossen, Mano in Brasilien abzusetzen, was natürlich wieder Zeitverlust bedeuten würde, taut Yann gegen seinen Willen dann doch noch auf und beschließt, die Weltumseglung zusammen mit seinem blinden Passagier fortzusetzen. Dabei nimmt er sogar in Kauf, dass die Maskerade auffliegt, denn als Mano plötzlich erkrankt, schickt Yann dessen Blutwerte ans Hauptquartier, damit man dort eine Ferndiagnose erstellen kann. Die Vendée-Globe-Ärztin stellt eine akute Anämie fest und gibt Yann entsprechende Anweisungen. Die Behandlung schlägt tatsächlich an, und Mano wird wieder gesund. Womit die Sache eigentlich auch erledigt wäre, gäbe es daheim in Frankreich nicht einen, der sich über Yanns medizinischen Befund wundert: sein Kumpel Franck. Als der ihn zur Rede stellt, gesteht Yann ihm nach längerem Hin und Her die Wahrheit. Franck entscheidet auf der Stelle, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und den blinden Passagier höchstpersönlich von Bord seines Schiffs zu holen, damit Yanns Teilnahme und sein potentieller Sieg bei der Vendée Globe nicht noch weiter gefährdet werden. Doch das ist ein Plan, der Yann überhaupt nicht gefällt….

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Das Bild der Blu-ray ist, trotz aller Widrigkeiten beim Dreh – gefilmt wurde auf einer echten Vendée-Globe-Yacht auf dem offenen Meer – hervorragend. 16 Kameras, darunter einige Handkameras und Action-Cams halten das Geschehen so realistisch fest, dass man als Betrachter vor der Leinwand stets mitten im Geschehen ist. Der Ton wurde im Athmos-Verfahren aufgezeichnet, auf der Blu-ray verlustfrei in DTS-HD Master Audio 5.1 konvertiert. Während der Szenen auf See unterstützt die räumliche Klang-Atmosphäre die Bildwirkung ideal. Man wähnt sich mitten im Geschehen. Chapeau dem französischen Film-Team!

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Die Vendée Globe
Sie gilt nicht umsonst als Mount Everest unter den Segelregatten: Die Vendée Globe führt ihre Teilnehmer rund 24.000 Seemeilen nonstop über die Ozeane – vorbei am Kap Hoorn und dem Polareis findet die Route zu einem wesentlichen Teil in den stürmischen und äußerst gefährlichen, antarktischen Gewässern statt und stellt daher an die Teilnehmer höchste Anforderungen. Und nicht zuletzt zählt der innere Schweinehund. Denn die körperlichen und geistigen Strapazen, denen sich die Einhandsegler aussetzen, stellen alles in den Schatten, was man vom Segelsport kennt.

Von Westen nach Osten umsegeln die Skipper die drei großen Kaps: Kap der guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn. Vom Starthafen Les Sables-d’Olonne in Frankreich führt die Route südwärts den Atlantik runter auf eine gefährliche Reise über den Indischen Ozean bis hin zum größten aller Ozeane – den Pazifik. Am Ende erwartet die Teilnehmer ein Aufstieg entlang der Südamerikanischen Atlantikküste zurück nach Les Sables-d’Olonne.
Schon zu Beginn ist mit gefährlichen Stürmen zwischen dem Starthafen und dem Kap Finisterre im Nordwesten Spaniens zu rechnen, der Golf von Biskaya gilt in Seglerkreisen durch aufkommende Stürme und Wellen als schwierige Etappe.

Nachdem das südliche Ende der nördlichen Halbkugel erreicht wird, müssen die Segler stets die Wetterkarte im Auge behalten, um zu entscheiden, wie viel sie ihren Booten zumuten können. Es folgt die Schattenzone, so bezeichnete Titouan Lamazou, Gewinner der ersten Vendée Globe, die riesige Weite zwischen dem Kap der guten Hoffnung und dem Südosten Australiens. Den Indischen Ozean zu überqueren, bedeutet für die Skipper den Abstieg in eine andere Welt– gedämmtes Licht, gefährliche Winde und ein kaltes, nasses Umfeld. In nur wenigen Tagen finden sich die Segler wieder in einer einsamen Welt.

Sobald die Abenteurer nach ca. zwei Monaten Kap Hoorn erreichen, drohen weitere Gefahren: allen voran Eisberge! Das andauernde Risiko von Kollisionen mit diesen Eisblöcken zwingt zu konstanter Aufmerksamkeit und erhöht die Ermüdung. Der Südatlantik fordert viele Opfer und so müssen dutzende Boote das Rennen hier aufgeben. Oftmals sind die Boote zu beschädigt und die Aufmerksamkeit der Skipper zu gering, sodass sich das Teilnehmerfeld hier ausdünnt. Zu Recht kann jeder, der nach ca. 80 Tagen den Eingang zum Hafen von Les Sables-d’Olonne erreicht, behaupten, ein einmaliges Abenteuer erlebt zu haben…

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Senator Home Entertainment GmbH präsentiert „Turning Tide – Zwischen den Wellen“ ab 12. Dezember 2014 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von der Senator Home Entertainment GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: En Solitaire
Land / Jahr: Frankreich / 2013
Genre: Abenteuer, Sport
Darsteller: Yann Kermadec: François Cluzet, Mano Ixa: Samy Seghir, Marie Drevil: Virginie Efira, Léa: Dana Prigent, Franck Drevil: Guillaume Canet, Mag: Karine Vanasse, Anna: Arly Jover, José: José Coronado, Denis: Jean-Paul Rouve, Rennleiter: Guillaume Nicloux u. a.
Regie: Christophe Offenstein
Drehbuch: Jean Cottin und Christophe Offenstein
Prozent: Jean Cottin
Co-Prozenten: Geneviève Lemal, Adolfo Blanco
Kamera: Guillaume Schiffman
Produktionsdesign: Olivier Radot, Thierry Chavenon
Kostüme: Muriel Legrand
Musik: Victor Reyes unter Mitarbeit von Patrice Renson
Schnitt: Véronique Lange

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 96 Min. + Bonus
Bildformat: Full HD 16:9 (2,35:1)
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of, Trailershow
FSK: ab 12 Jahren (Hauptfilm ab 6 Jahren)

Webseite zum Film: Turning Tide – Zwischen den Wellen