Unter Feinden: Tiefer und tiefer in den Sumpf

feindenEigentlich sollen die beiden Polizisten Kessel und Driller nach einem international gesuchten Kriegsverbrecher Ausschau halten. Aber Kessel ist Junkie, legt sich mit einem jungen Dealer an und überfährt den Mann. Kollege Driller verwischt alle Spuren, kann jedoch nicht verhindern, dass eine ehrgeizige Staatsanwältin den Vorfall aufklären will. Die beiden haben allerdings noch ein viel größeres Problem: Durch die Tat hat sich Kessel erpressbar gemacht ….

Film-Blog.tv meint:
Lars Becker lässt seine Antihelden tief fallen. Sein drogensüchtiger Hauptkommissar verschuldet den Tod zweier Menschen, einmal aus Unkontrolliertheit und Aggression, einmal aus Feigheit und Egoismus. Er zieht seinen loyalen Partner und dessen Frau immer tiefer in die Mitschuld, er zerstört Familien. Ein verhafteter Kriegsverbrecher setzt ihn unter Druck, die Staatsanwaltschaft ist ihm dicht auf den Fersen: das Gestrüpp wird dichter, die Bedrohung wird greifbarer. „Unter Feinden“ sind fast alle Menschen in diesem Hamburger Schmuddelkrimi, und die Feinde, das sind die anderen. Starker Tobak, den uns dieser Polizeifilm hier vorsetzt. Aber packend inszeniert, spannend bis zum Schluss und von talentierten Schauspielern glaubwürdig vorgetragen. Alle Achtung: diese Grimme-Preisnominierte ZDF / arte-Produktion ist definitiv eine DVD wert!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Hauptkommissar Erich Kessel ist drauf, und er braucht Stoff. Schnell. Keine gute Position für einen Polizisten, der gerade eine Woche aus der Entzugsklinik entlassen ist. Die Kleindealer auf der Straße erkennen ihn als Ermittler und verweigern ihm den Stoff. Kessel zieht seine Dienstwaffe. Sein Kollege Diller versucht zu deeskalieren und zieht seinen Partner in das Auto. Als sich einer der Dealer mit einem Baseballschläger vor den Wagen stellt, verliert Kessel die Beherrschung und überfährt ihn. Diller zögert, die beiden kennen sich seit 20 Jahren. Seine Form von Loyalität: er verfrachtet den schwerverletzten Kleinkriminellen in den Kofferraum und schiebt ihn unerkannt in eine Klinik.

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Dort arbeitet seine Frau als Intensivschwester, sie findet das Opfer als erstversorgten Patienten in ihrer Frühschicht. Dort besucht sie Kessel. Nicht aus Sorge um den durch ihn lebensgefährlich verletzten Jungen, sondern auf der Suche nach Methadon.

Die Vertuschung scheint auf dünnem Eis zu gelingen. Die beiden LKA-Beamten erfüllen ihre Mission und spüren einen international gesuchten libyschen Kriegsverbrecher auf. Mindestens 135 Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord und Exekution werden dem Mann zur Last gelegt. Der Verhaftete streitet seine Identität ab, aber eine Zeugin ist zur Hand. Sie wurde in Libyen vom Gesuchten gefoltert und kann ihn nun identifizieren.

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Kessel wird von der Gang des Unfallopfers erpresst. Damit seine Tat verborgen bleibt, soll er Drogen verkaufen und die Familie des Verunfallten unterstützen. Im Gegenzug wollen die Zeugen schweigen. Der Druck auf ihn wächst zusätzlich von einer anderen Seite: der Neffe des Verhafteten will, dass Kessel die Zeugin von ihrer Aussage abbringt. Die ambitionierte Staatsanwältin Soraya Nazari ist den LKA-Beamten auf den Fersen. Sie ermittelt nicht nur gegen den Kriegsverbrecher, sie hat auch hat den dringenden Verdacht, dass die beiden Polizisten den Unfall verursacht und verschwiegen haben.

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Die Fälle verweben sich, die Lage der Polizisten wird immer aussichtsloser. Kessel unternimmt rücksichtslos alles, um an einen Schuss zu kommen. Diller will seinem Kollegen gegenüber loyal bleiben, er vertuscht, lügt und bedroht. Sie sind in einer Sackgasse, in der Folge sterben Menschen.

In diesem Film gibt es ein wenig Weiß, etwas Grau und sehr viel Schwarz. Die Spirale aus Lügen und Gewalt zerstört Menschenleben. Antiheld Keller ist schwach, und er ist feige. Ihm fehlt das Rückgrat um für seine Handlungen einzustehen, und er zieht sein Umfeld mit sich in den Dreck.

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Lars Becker hat neben seiner Rolle als Regisseur auch das Drehbuch auf Basis der Vorlage von Georg M. Oswald geschrieben. Mit seinem Film gelingt es ihm, den Zuschauer über die vollen 90 Minuten gebannt in der Handlung zu halten. Es ist kein Thriller mit einer Art von Dramatik, die uns an die Sofakante rutschen lässt; die Spannung ist subtil, authentisch und konstant. „Unter Feinden“ ist intelligent geschrieben und gekonnt umgesetzt, die Handlung und das Schauspiel tragen sehr solide.

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„Ist Ihr Kopftuch eigentlich ein Vorteil oder ein Nachteil?“, fragt der Polizeichef die junge Staatsanwältin. „Während Sie sich über meine rückständigen religiösen Anschauungen mokieren, kann ich mich ganz auf meine Ermittlungen konzentrieren. Ich denke, das ist ein Vorteil.“ Die Dialoge bereichern den Film.

Eine simple Botschaft bekommen wir mitgeliefert. Finger weg von Drogen. Und wenn Du Mist gebaut hast, dann stehe verdammt nochmal dazu.

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Großes Kino!

Das Bild ist dem jungen Alter des Films entsprechend gut, die Atmosphäre gewollt düster. Der Ton bietet ein wenig Räumlichkeit, der Film hat aber keine Effekte nötig.

Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Unter Feinden“ auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Unter Feinden
Land / Jahr: Deutschland / 2013
Genre: Krimi, Thriller
Darsteller: Mario Diller – Nicholas Ofczarek; Maren Diller – Birgit Minichmayr; Erich Kessel – Fritz Karl; Didem Osmanoglu – Melika Foroutan; Idris Maher – Merab Ninidze; Layla Sharif – Halima Ilter; Gani Kartal – Tedros Teclebrhan; Dino März – Bernd Stegemann; Amir Aslan – Olgu Caglar; Ergün Aslan – Ulas Kilic; Aygün Aslan – Meral Perin; Luca Diller – Henry Stange; Ali Younes – Fahri Yardim; Walid Schukri – Kida Khodr Ramadan; Dragoslav – Tristan Seith; Lucius von Kern – Stephan Schad u.a.
Regie: Lars Becker
Drehbuch: Lars Becker nach einer Vorlage von Georg M. Oswald
Produktion: Wolfgang Cimera, Bettina Wente
Kamera: Andreas Zickgraf
Schnitt: Sanjeev Hathiramani
Musik: Stefan Wulff, Hinrich Dageför

DVD
Laufzeit: ca. 90 Min.
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0 Stereo
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
FSK: 12