Verbrechen: Schöner Morden

verbrechen_coverSchockierende Kriminalfälle, basierend auf tatsächliche Begebenheiten und Erfahrungen des Strafverteidigers und Autors, treffen auf eine neue revolutionäre Erzählweise im Krimi-Genre: im Mittelpunkt steht kein klassischer Ermittler und die Frage „wer hat’s getan“, sondern ein Anwalt und seine Frage nach dem „Warum?“.
Schirach schildert das kriminelle Geschehen auf Augenhöhe mit den beteiligten Tätern, Opfern und Zeugen. Die einzelnen Episoden begleiten detailliert die jeweilige Tat und ihre Verteidigung. Die Geschichten sind dabei so bunt und abwechslungsreich wie grausam: Ein unbekannter Mann wird angegriffen und plötzlich selbst zum Täter, drei Kleinkriminelle verheben sich an ihrem größten Einbruch und das Verschwinden eines jungen Mädchens lässt ein ganze Dorf Kopf stehen. Laut, brutal, bewegend: „Verbrechen“ wird Ihren Blick auf die deutsche Krimilandschaft für immer verändern.

Film-Blog.tv meint:
Mit den Fällen Ferdinand von Schirachs begleiten wir einen Anwalt mitten in die Verbrechen. Oliver Berben ist es gelungen, den Spiegel-Bestseller wirklich atemberaubend zu verfilmen, in dem er den Charme der Kurzgeschichten erhält und großartig inszeniert. Noch mehr verstärkt wird die Wirkung der innovativen Serie von Solo Avital, der eine beachtliche visuelle Ästhetik ergänzt. „Verbrechen“ ist weit entfernt von typischer deutscher Krimiunterhaltung und erreicht mit der Art, Geschichten überraschend zu erzählen, tollen Schauspielern und Anleihen bei Quentin Tarantino ein fantastisches Unterhaltungsniveau. Ansehen, unbedingt!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Wenn die Tatort-Melodie ertönt, findet man meist ein Mordopfer irgendwo im deutschsprachigen Raum. Davon ausgehend beginnen Ermittlungen, die der Zuschauer rätselnd begleitet, und nebenbei entfaltet sich häufig das Privatleben des Ermittlers. Nicht nur im Tatort, sondern in fast jedem Krimi. Anders bei Schirach. Wir sind in fast jeder Episode von Anfang an auf Augenhöhe mit dem Täter. Nicht investigativ; wir erleben die Verbrechen, oder die Ereignisse, die als solche erscheinen, meist Eingangs der Episode. Und begleiten die Entwicklung als wissende Zuschauer.

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Die Spannweite der Täter, die uns Produzent Oliver Berben und Autor Ferdinand von Schirach zeigen, ist so breit wie die Gesellschaft: Ein schüchterner Mediziner. Kleinkriminelle aus dem Berliner Kiez. Ein sehr erfolgreicher Finanzfachmann und Arbeitslose mit einem langen Vorstrafenregister. Im Bonusmaterial berichtet Ferdinand von Schirach, wie alltäglich Mörder in der Wirklichkeit sind, und wie leicht Menschen dazu werden können. Dem trägt die Episodenauswahl Rechnung, und das macht einen Teil des Charmes aus.

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Die visuelle Ästhtik, die Solo Avital für die Serie geschaffen hat, ist einmalig. Die Kamera hält gerne inne und erinnert an ein Foto, wie in einer Kriminalakte. Umgekehrt erwachen Fotos in den Filmsequenzen zum Leben und lassen Erinnerungen an die Vergangenheit bewegt zurückkehren. Die Objekte der Taten erhalten kunstvoll eingestreut eigene Filmtafeln. Ob nun Einbruchswerkzeuge, Diebesgut oder Waffen: die Kamera spielt geradezu verliebt mit den Werkzeugen des Verbrechens.

Die agile Bildführung verharrt für kurze Momente auf Details der Schauspieler. Auf den Augen, auf dem Mund. Wie ein begabter Ermittler erfasst sie blitzschnell Emotionen und Ausdrücke. Innerhalb einer Szene werden unterschiedliche Bilder erzeugt; das können gefärbte und grobkörnige Aufnahmen gegenüber natürlichen sein. Wenn sich Friedrich Leonhardt in seiner Kanzlei bewegt, spielt die Kamera auch einmal mit dem Gegenlicht und lässt die Silhouette des großen Mannes mit dem Hut eindrucksvoll wirken. Wie ein Agent erwächst das Abbild des ruhigen Anwalts vor dem Zuschauer.

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In der Beweglichkeit und den sehr kurzen Einblendungen ist die Serie nicht weit von Quentin Tarantinos Erzählstil entfernt. Dabei ist sie eigenständig und entwickelt statt zu kopieren. Aber auch bei „Verbrechen“ sollte man nicht zu zartbesaitet sein. Auch wenn die Psychologie im Vordergrund steht, feiert die Kamera auch gerne einmal abgetrennte Gliedmaßen und Blut. Wenn auch häufig nur weniger als eine Sekunde aufblitzend.

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Fähners Apfel schafft es nicht nur auf Titel und Menü taucht er immer wieder in der Handlung auf. Ist es ein Apfel der Erkenntnis, hier zu den einzelnen Verbrechen? Stellt er die Versuchung, die Sünde dar?

Produzent Oliver Berben schätzt die Buchvorlage. So sehr, dass er den Folgenautoren aufgab, keinen Dialog aus der Vorlage auszulassen, und kein Wort zu verändern. Das war eine gute Entscheidung.

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Josef Bierbichler als Strafverteidiger Friedrich Leonhardt ist ruhig und statisch; jede Geste, jede Miene ist souverän auf den Punkt gespielt. Bierbichler verkörpert einen ganz anderen Typus als das reale Vorbild Ferdinand von Schirach, den wir in den Interviews der Bonussektion kennenlernen. „Charakterkontinent“ nennt Jochen Hieber Bierbichler in der FAZ, und das ist ein schönes Attribut für diesen präsenten Schauspieler.

Alle Darsteller vermitteln ihre Rollen sehr glaubhaft. Es sind nicht nur die großen Namen, wie Jan Fedder und Bettina Zimmermann, die Schauspielkunst demonstrieren: auch Hassan Akkouch, als Zeuge und Verdächtiger Abbas Portas, lässt in der Gerichtsverhandlung die Mundwinkel über einen langen Zeitraum nervös zittern, um dann mit sich überschlagender Stimme auszusagen. Das ist Vollblutschauspiel im Tunnel der Rolle.

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Special

Redakteur Thore Vollert bringt uns die Kreativen hinter der meisterlichen Serie nah. Vor allem den herrlich unprätentiösen Autor der Buchvorlage, der unterhaltsam erzählt, wie er zu den Rechtswissenschaften und zum Schreiben gekommen ist. Sowie von netten Mördern außerhalb aller Stereotypen.

Solo Avital berichtet von seiner beachtlichen visuellen Arbeit und gibt Eindrücke in die Entstehung. Der Israeli spricht dabei ein klares, gut verständliches Englisch.

Der sehr gut passende Titelsong „RED“ von NaNuchKa findet sich als Musikvideo im Bonusmaterial. Solo Avital hat auch hier seine Bildsprache deutlich eingebracht und mit Szenen aus der Serie unterlegt. Das Video ist sehr sehens- und hörenswert.

Das Bild ist von hoher Qualität und aus den Lautsprechern kommt ein 5.1-Ton, der im Kino nicht besser sein kann

Ich habe für film-blog.tv in den letzten Monaten weit über hundert Stunden Material gesichtet. Schirachs „Verbrechen“ liegen dabei gleichauf mit dem „Tatortreiniger“ an der Spitze — sowohl qualitativ, als auch bezogen auf den Unterhaltungswert. Die beiden Serien bringen eine kleine Schnittmenge mit, in dem sie kriminalistische Aufklärung auf innovative Art in den Mittelpunkt stellen. In ihren Ansätzen sind sie dabei grundverschieden, aber auf ihre Art beide herausragend!

Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „Verbrechen nach Ferdinand von Schirach “ auf DVD und Blu-ray Disc™. Die Rezensionsexemplare wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

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Originaltitel: Verbrechen nach Ferdinand von Schirach
Land / Jahr: Deutschland / 2013
Genre: Krimi, Serie
Darsteller: Josef Bierbichler: Friedrich Leonhardt; Edgar Selge: Dr. Friedhelm Fähner; Annette Paulmann: Ingrid Fähner; Denis Moschitto: Özcan; Adam Bousdoukos: Manolis; Kida Khodr Ramadan: Pocol; Alpa Gun: Samir; Vladimir Burlakov: Philipp von Nordeck; Jan Fedder: Klaus von Nordeck; Bettina Zimmermann: Angelika Petersson; Karim Chérif: Karim Fataris; Hassan Chahrour: Walid Fataris; Conrad F. Geier: Kommissar Dalger; Katja Flint: Melanie Boheim; Pierre Besson: Percyy Boheim; Hassan Akkouch: Abbas Portas; Tomas Arana: Unbekannter Mann; Gustav Peter Wöhler: Ermittlungsrichter Lambrecht u. a.
Regie: Jobst Christian Oetzmann und Hannu Salonen
Drehbuch: Jobst Christian Oetzmann, André Georgi und Nina Grosse nach den Kurzgeschichten von Ferdinand von Schirach,
Produktion: Oliver Berben,Jan Ehlert
Kamera: Hanno Lentz
Musik: Solo Avital, Titelmusik „Red” von Nanuchka
FSK: 16

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 270 Min. + Bonus
Bildformat: 1,77:1 / 16:9
Tonformat: Dolby Digital 5,1, 2.0
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Extras: Wie entstand Verbrechen? – Vom Bestseller zur Mini-Serie (ca. 45 Min.), exklusives Interview mit Ferdinand von Schirach, Musikvideo RED von NaNuchKa, Die visuellen Effekte – zur Arbeit von Solo Avital, Untertitel für Gehörlose, 12-seitiges Booklet mit vielen Hintergrundinformationen