Was bin ich wert? – Der Mensch ist berechenbar

wert_coverDie Würde des Menschen ist antastbar – zumindest wenn es sich lohnt… „Was bin ich wert?“ entführt uns in eine Welt, in der Menschen auf Euro und Cent durchkalkuliert werden. Keine Utopie, sondern längst Realität! Experten in aller Welt behaupten, den Geldwert eines Menschen genau bestimmen zu können. Sie rechnen im Namen ihres Staates, für Versicherungen, Gesundheitsbehörden, das Militär oder ihren eigenen Profit.

Film-Blog.tv meint:
Kann man das Leben eines Menschen in Euro und Cent beziffern? Was vielen absurd erscheint, ist tägliche Praxis bei vielen Institutionen. Wieviel wird eine komplexe Ampelanlage kosten, wieviele Leben wird sie schützen? Ist sie die Investition wert? Für diese Berechnung muss man den wert eines Menschen definieren, und dies geschieht regelmäßig. Mit konkreten Auswirkungen auf das Leben oder den Tod von Menschen. Der Journalist Peter Scharf geht diesen Mechanismen auf den Grund und spricht sowohl mit Menschen, die den individuellen Wert des Lebens taxieren, als auch mit solchen, deren Leben monetär bemessen wird. In seiner neunzigminütigen Reportage gelingt es ihm, überraschende Einsichten zutage zu fördern, die unser Leben frappierend oft berühren. Peter Scharf vermittelt seine Erkenntnisse informativ und sehr authentisch in Gesprächen mit Menschen, deren Schicksal von Berechnungen ihres Wertes verändert wurde. Die Absurdität, die dem Thema zugrunde liegt, fängt er mit einer Prise Humor auf; damit hilft er, das ethisch heikle Thema etwas zu moderieren. Am Ende der Dokumentation habe ich die portraitieren Menschen tatsächlich mit anderen Augen wahrgenommen.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

120.000 Euro soll es kosten, ein Kind großzuziehen. Weitere 40.000 Euro bei einem Studium. Der Journalist Peter Schrarf geht davon aus, dass sich wohl die wenigsten Eltern solche Gedanken machen. Doch andere Menschen finden durchaus Rechenmodelle für den monetären Wert des Lebens an sich, der Gesundheit und der Zufriedenheit. Und kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Peter Scharf spricht mit Wissenschaftlern, Entscheidern und Anwälten in Deutschland, Moldawien, New York und Glasgow, um eine Antwort zu finden: Was ist er wert?

Der Begriff „Humankapital“ wird in Deutschland häufig gemieden, verrät Professor Christian Scholz im Gespräch mit Peter Scharf. Gleichwohl wird dieser Wert immer wieder berechnet und bewertet. Wie man Mitarbeiter als Vermögenswerte eines Unternehmens berechnet, zeigt der Hochschullehrer anhand der „Saarbrücker Formel“. DAX30-Unternehmen kommen hierbei auf Werte von 70.000 bis 150.000 Euro je Person, sagt Scholz.

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Das ist ein Ansatz, aber wie kann der Freiberufler Peter Scharf diese Erkenntnis auf sich anwenden? Er nährt sich der Frage auf einem anderen Weg. Sein 84kg schwerer Organismus besteht aus unterschiedlichen Substanzen, die einen individuellen Wert haben. 1576,20 Euro, ermittelt ein Apotheker. Vor allem der Kohlenstoffanteil zahlt sich aus. Doch nutzen kann er das nicht. Realistischer ist da schon die Blutspende; ein Markt, auf dem in Deutschland 500 Millionen Euro Umsatz pro Jahr erzielt werden, wie Scharf herausfindet. 20 Euro erhält er als Plasmaspender. Und entdeckt weitere Möglichkeiten, Werte zu ermitteln, wie die Samenspende, oder den Verkauf des Haupthaares für Echthaarperücken. Seine Spermaprobe fällt durch, die Beweglichkeit reicht nicht aus, und eine Friseurin bewertet sein Haar als zu dünn. Und es gäbe auch niemanden in Deutschland, der menschliches Haar ankauft.

Aber irgendwo muss das Material für Echthaarperücken ja herkommen. Häufig aus Kiev, findet der Jornalist heraus, und reist in die ukrainische Hautstadt. Kiev ist ein Handelszentrum für europäisches Haar, und hier findet Peter Scharf einen weiteren Marktwert: 600 bis 700 Euro für 100 Gramm hochwertiges Haar. Aber nur für das von Frauen, erläutert Ankäufer Jewgeni Belaschow, Männerhaar sei regelmäßig zu ungeplegt.

Zurück in Deutschland trifft Peter Scharf auf einen Menschen, der seinen Körper zu Geld macht. Tim Steiner hat seinen Rücken als Leinwand bereitgestellt, der Käufer durfte für 150.000 Euro das Motiv frei bestimmen. Dafür erhält er das Recht, Tim zweimal im Jahr öffentlich auszustellen. Bis über dessen Tod hinaus.

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In Moldawien spricht Scharf mit Menschen, die ihre Organe als Lebendspender angeboten haben. 3.000 US-Dollar erhielt Toader für die illegale Entnahme seiner Niere in der Türkei. Abzüglich 700 US-Dollar für das Busticket zurück nach Hause. Mit 18 Jahren war er zum Zeitpunkt des Eingriffs jung, und je jünger der Spender, desto wertvoller das Organ. Die Implikationen der Operation haben sein Leben verändert. Er kann nur noch leichte Arbeiten ausführen, nur noch einen Eimer Wasser tragen. Doch der junge Vater brauchte Geld für seine Familie, für 1.000 Dollar kaufte er ein Haus. Er spüre seit dem Eingriff, dass er nicht mehr derselbe ist. Als Organempfänger zahlt man 80.000 bis 200.000 Dollar für eine illegale Transplantation, blendet eine Texttafel ein. Und ergänzt „ohne Reisekosten“.

Geld und Gesundheit: Peter Scharf nimmt seine anstehende Fußoperation zum Anlass, mit dem Chef seiner Krankenkasse zu sprechen. Sie ist Teil der gesetzlichen Krankenversicherung, die in Deutschland rund 80% der Menschen abdeckt. Behandlungskosten sind nicht gedeckelt, sagt der DAK-Vorstandsvorsitzende Herbert Rebscher. Es gäbe Patienten, für die 3 bis 4 Millionenn Euro im Jahr gezahlt werden. Das dies in England anders ist, weiß Interviewpartnerin Dr. Kalipso Chalkidou, NICE International. Das National Institute for Health and Excellence legt die finanziellen Grenzen fest, innerhalb derer Behandlungen bezahlt werden. Grundlage sind die QALY, „quality adjusted lifeyears“. Etwa 25.000 Pfund werden für für ein zu erwartendes Lebensjahr zugrundegelegt. Ist das ethisch, fragt Scharf? Es ist eine empirische Fragestellung, findet Dr. Chalkido, keine normative. Überall werden Entscheidungen getroffen, die das Wohlbefinden der Menschen berühren, erinnert sie. Wieviele Feuerwehrleute werden eingestellt? Wieviel Geld wird für die Schutzausrüstung der Soldaten im Irak oder in Afghanistan bereitgestellt?

In Schmerzensgeldern findet Peter Scharf einen weiteren Indikator. Und entdeckt eine große Spannweite. Der Mittelwert in Deutschland, Österreich und der Schweiz etwa liegt bei Knapp 1,8 Millionen Schmerzensgeld für die Summe aller Körperteile.

Und auch das Leben in seiner Gesamtheit wird finanziell bewertet. Etwa für die Angehörigen der Opfer des Costa Concordia-Unglücks. John Arthur Eaves, Anwalt in Mississipi, empfiehlt den Angehörigen, in den USA zu klagen. Das ginge, weil die italienische Reederei zu einem britisch-amerikanischen Konzern gehört, der Carnival Corporation. 11.000 Euro Entschädigung bot die Reederei den Angehörigen von Todesopfern. Das sind „Peanuts“, findet der Anwalt. Mindestens zwei Millionen Dollar sind in den USA zu erwarten; und mehr in Abhängigkeit von Alter, Erwerbsbiographie und Familienstand. Damit solle auch ein Signal gesetzt werden, damit solche Unglücke in Zukunft vermieden werden sollen: durch bessere Qualifikation der Mitarbeiter, sichere Technik, besseres Management. 300 Mandaten vertritt der Rechtsbeistand aus dem Süden der USA. Und erhält im Erfolgsfall eine Prämie von 35%.

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Texttafeln blenden Vergleichwerte ein, die an Angehörige von Unfalltoten gezahlt wurden:

1999 Bahunglück Eschede: 15.000 Euro
2000 Concorde Absturz, Frankreich: 400.000 Euro
1984 Giftgaskatastrophe Bophal, Indien: 1.000 Euro

Zu entscheiden, was das Leben wert ist: diese Aufgabe hatte auch Ken Feinberg nach 9/11. Wieviel Geld aus Steuermitteln sollte Anhörige der Menschen bekommen, die sich während der Anschläge im World Trade Center aufhielten? Wieviel die der Feuerwehrleute, die im Einsatz ihr Leben verloren? Es gab kein Limit, keine Vorgaben. Feinberg entschied, das fiktiv verbliebene Arbeitseinkommen zugrundezulegen, und Schmerzensgeld zu addieren. Leistungen zum Beispiel von Lebensversicherern zog er ab. Die Angehörigen von Bankern und Brokern bekamen mehr als die von Feuerwehrleuten, Busfahrern, Soldaten.

Nancy Nee kennt die andere Perspektive, ihr Bruder Charly starb als Feuerwehrmann beim 9/11-Einsatz. „Wieviel ist das Leben wert? Eine geschmacklose Entscheidung“, berichtet sie emotional von ihren Erfahrungen mit dem Verfahren. Unterlagen einsammeln, und die Entscheidung in die Hände eines Gremiums legen. Der Prozess belastete sie, und die Erkenntnis, dass ihr Bruder nach den Ergebnissen weniger wert war als der CEO in der Top-Etage. „Put a dollar value on a life, that’s horrible“, fasst sie aufgewühlt zusammen.

7 Milliarden Dollar zahlte Ken Feinberg insgesamt, von 250.000 Dollar für einen Tellerwäscher bis zu 7,1 Millionen für einen Banker.

Die letzte Messgröße, die Scharf findet ist, der VSL, der „Value of Statistical Life“. Um diesen Durchschnittswert zu ermitteln, wird eine Gruppe von Menschen befragt: wieviel Geld sind sie bereit auszugeben, um eine Gefahr abzuwenden?
In einem Stadion mit 10.000 Menschen wird einer von ihnen sterben. Wieviel ist der einzelne bereit zu zahlen, um sicher nicht das Opfer zu sein?

Daraus ermittelt Prof. W. Kip Viscusi seinen Wert. Das ist keine obskure Theorie, erinnert Scharf, sondern eine weltweit angewandte Methode. Das Umweltbundesamt, die WHO, und zahlreiche Entscheider über Hilfszahlungen verwenden den VSL.

Dem Apotheker, dem Statistiker, dem Anwalt: ihnen allen stellt Peter Scharf seine Kernfrage, Was bin ich wert? Die Antworten fallen je nach Methode unterschiedlich aus, von rund 1.500 Euro in der Apotheke bis zu 9 Millionen Euro für seinen „VSL“. Im Durchschnitt aller Methoden soll Peter Scharf durchschnittlich 2,42 Millionen Euro wert sein.

Die vielschichtige und ideenreiche Dokumentation vermittelt unterschiedlichste Einblicke in die Berechnungen um unser Leben, unsere Gesundheit, unseren Wert. Die sehr konkret sind, und die reale Auswirkungen auf unser Leben haben, oder unserem Tod. Die Erkenntisse, die Peter Scharf vermittelt, sind häufig überraschend. Dabei verliert er den Menschen, um den es geht, nie aus dem Blick. Immer wieder stellt er Menschen unvermittelt die Frage, wie sie ihren eigenen Wert beziffern. „That’s up to you man“, ist etwa Straßenmusiker Aurelio Valle ratlos.

Als Scharf am Ende seiner Reportage noch einmal seine Gesprächspartner portraithaft, statisch in Szene setzt, erscheinen viele in einem neuen Licht. Der Zuschauer hat erfahren, wie ihr individueller Wert von anderen Menschen taxiert wurde, und wie in manchen Fällen ihr Leben verändert wurde.

Die mobile Kamera produziert kontourierte und gut ausgeleuchtete Bilder, der Ton wird klar präsentiert. Das Englisch der US-Amerikaner in Washington und Mississippi ist gut zu verstehen, die schottischen Gesprächspartner machen es dem Zuhörer nicht ganz so leicht. Alle fremdsprachigen Dialoge sind deutsch untetitelt.

Der Score vermittelt Bluesanklänge, und variiert wie der Inhalt der Reportage gerne von nachdenklich zu ironisch-humorvoll.

Wenige Passagen zeigen leichte Längen, wie die Diskussion über Haare in Kiev. In der Summe gelingt es Peter Scharf, seine ungewöhnliche Frage in eine spannende Dokumentation zu verpacken und vor allem deutlich zu machen, wie oft diese Frage gestellt wird — mit sehr realen Auswirkungen für viele von uns.

Für den Preis dieser DVD erhält man etwa 2,5 Gramm hochwertiges Haar in Kiev. Mit Peter Scharfs ungewöhnlicher Dokumentation ist das Geld entschieden besser angelegt.

Lighthouse Entertainment präsentiert „Was bin ich wert?“ ab 24. April 2015.
Das Rezensionsexemplar wurde von Lighthouse Entertainment zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Was bin ich wert?
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Dokumentarfilm
Mitwirkende: Peter Scharf , Prof. Dr. Christian Scholz, Juri Silvestrow, Olga Mrija, Jewgeni Belaschow, Tim Steiner u. a.
Regie: Peter Scharf
Drehbuch: Peter Scharf nach einer Idee von Jörn Klare
Produzentin: Birgit Schulz
Kamera: Oliver Schwabe
Schnitt: Oliver Held
Musik: Christian Sasse, Peter Scharf
FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung

DVD
Laufzeit: ca. 98 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Stereo
Sprachen:Deutsch, Englisch
Untertitel: feste Untertitel in fremdsprachigen Teilen
Extras:Trailer, Trailershow

Webseite zum Film: Was bin ich wert?