Welcome to Norway: Von „Negern“ zu Menschen

norway_coverGewinnspiel_rotPrimus ist ein Mann mit großen Visionen und noch größeren Niederlagen. Am größten aber ist bei ihm die Abneigung gegen alles Fremde.
Die vielen Flüchtlinge, von denen allseits die Rede ist, kommen ihm trotzdem gerade recht. Sein Pleite gegangenes Hotel im Norden Norwegens soll dank ihnen doch noch zur Goldgrube werden. Und dafür winken saubere Subventionen aus der Staatskasse. Seine Frau Hanni und Tochter Oda trauen ihren Augen nicht, als ganze Busladungen in das Hotel einmarschieren, in dem Zimmer, Türen, Heizung und Strom fehlen.
Nicht vorbereitet ist Primus auf die diplomatischen Verwicklungen, die nun auf ihn lauern: Christen weigern sich mit Arabern, Sunniten mit Schiiten das Zimmer zu teilen. Der optimistische, aber etwas vorlaute Abedi erweist sich als unverzichtbarer Vermittler und wird für den Einzelgänger Primus schnell zum ständigen Begleiter. Doch dann fordert die Ausländerbehörde auch noch Sprachkurse und einen Kooperationsrat, sonst gibt es kein Geld….

Film-Blog.tv meint:
Mehr Tragödie oder mehr Komödie? Autor und Regisseur Rune Denstad Langlo gelingt es, Humor in die prekären Umstände von Menschen zu bringen, die keineswegs „Welcome to Norway“ geheißen werden. Dem Film gelingt die Balance zwischen Humor und den tragischen Umständen der Menschen in ihm, ohne zu diskreditieren. Im Gegenteil: Gerade durch den Humor betont „Welcome to Norway“ die menschliche Seite der teils traumatisierten Gestrandeten und unterstreicht ihre Individualität. Rune Denstad Langlos Produktion, die kurz vor Beginn der massiven Flüchtlingsströme nach Europa entstand, ist kein politischer Film und kein reines Sozialdrama, liefert aber bei immer wieder guter Unterhaltung eine echte Basis für die Reflektion über die Menschen hinter den Schlagzeilen um die Migrationsströme.

<em>Den Beitrag verfasste unser Kollege Peter Schrandt.</em>

Der Nord-Norweger Primus hat viele Geschäftsideen, aber leider floppt jede einzelne von Skiverleih bis Snowboardsafari. Auch sein „Norø Hotell“ wurde nie fertig und zieht entsprechend keine Gäste an. Doch da offenbart sich eine neue Chance: Flüchtlinge kommen in das Land, und da kommt die ungastliche Herberge doch gerade recht: Immer rein mit den „Negern“, wie Primus die Menschen aus Krisenregionen bezeichnet, und schnell verdientes Geld vom Staat mitnehmen. Die Waschmaschine wird aus dem Wohnhaus herübergeschleift, ein Baugerüst ersetzt Tür und Außentreppe, und Strom… na ja, hin und wieder ist er ja sogar vorhanden. Auch wenn die Sicherung schnell fliegt.
Ganz so anspruchslos wie erhofft sind die fünfzig Neuankömmlinge allerdings nicht. Keine Einzelzimmer? Inakzeptabel. Und wo ist die Playstation? Warmes Essen hat Primus in seinem Budget nicht vorgesehen, seine Gäste erwarten allerdings ein Buffet. Der Flüchtlingshotelier improvisiert und schneidet gefrorenes Brot mit der Kreissäge zu. Der tiefgefrorene Fisch wurde zwar schon 1987 aus dem Fjord geholt, muss aber noch reichen. Dankbar sind die Rückmeldungen der Bewohner dabei nicht: „Ich habe zehn Jahre Erfahrung als Flüchtling, ich beobachte Dich!“ – so schwierig hatte Primus es sich nicht vorgestellt, an das vermeintlich leichte Geld kommen.

norway_01

Das Ausländerdirektorat UDI macht sein Leben auch nicht leichter; bei einer Inspektion fordern die Beamten zertifizierte Elektrik und kritisieren den desaströsen Bauzustand. Und wieso gibt es keine Sprachkurse? Stellt Primus die Mängel nicht bald ab, fließt keine Øre.
Sunniten, Schiiten, Drusen, koptische Christen, Katholiken und Protestanten: Die Zusammensetzung der Menschen unter einem Dach ist heterogen und birgt ein hohes Konfliktpotential. Primus erkennt das nicht, und es ist ihm zunächst auch egal, als sein Gast Abedi aus Eritrea dem Herbergsvater rät, die Ethnien und Religionen getrennt unterzubringen: „Sonst hast Du Deinen eigenen Nahost-Konflikt“. Primus, für den bereits seine Landsleute aus dem Süden die „Griechen Norwegens“ sind und die in Steinwurfweite lebenden Schweden definitiv Ausländer aus einer anderen Welt, nimmt das zunächst nicht ernst.

Die Sozialarbeiterin Line bringt einen Lkw voller Bücher in verschiedenen Sprachen, aber eine Bibliothek ist nicht das, was die Bewohner wollen. Nach einigem Zögern geht der verheiratete Primus auf Lines Annäherung ein und bekommt als Gegenleistung für das Schäferstündchen einen Kredit der Behörde, den er in Flachbildschirme und Spielkonsolen investiert. Das bringt ein wenig Ruhe in das Zusammenleben, nachdem die Bewohner ihre eigene Form von Trip Advisor-Bewertungen gefunden haben: Mit besprühten Bettlaken, die sie aus den Fenstern hängen, markieren sie die Unterkunft als „Guantanamo“ und „Gulag“…

norway_04

Inspiriert wurde die Grundidee der Hauptfigur, kommerziellen Erfolg aus der Flüchtlingsbetreuung zu schlagen, vom norwegischen Unternehmen Hero, mit dem Kristian und Roger Adolfsen sehr erfolgreich Unterkünfte in Norwegen und Schweden betreiben und mit tausenden Asylbewerbern satte Gewinne einfahren.

Die Produzenten versammelten einen Cast von rund 100 Menschen aus 20 Ländern am Set, die 14 verschiedene Sprachen mitbrachten. Nicht wenige der Statisten haben einen realen Flüchtlingshintergrund. Im Schneideraum holte die Flüchtlingskrise die Autoren dann in der Realität ein.

norway_02

Wenn „Welcome to Norway“ in seiner fiktiven Handlung darauf hinweist, wie problematisch das Zusammensein von Schiiten, Sunniten, Drusen, Hindus, Muslimen, Buddhisten, Katholiken und Protestanten sein kann, berührt der Film einen wichtigen Punkt; denn die Spannungen zwischen Ethnien und Glaubensrichtungen gerade innerhalb des Islams sind der Treiber des Nahost-Konflikts, in dem hunderttausende Menschen sterben und der Millionen heimatlos macht.

Antworten auf die historischen Herausforderungen der laufenden Flüchtlingsströme liefert „Welcome to Norway“ nicht. Wie sollten die Macher auch, wenn dies nicht einmal den reichen Ländern in Europa und anderswo gelingt?

Ein Augenzwinkern lässt das Buch allerdings immer wieder zu. Als Primus endlich einsieht, wie wichtig die Trennung der Ethnien und Religionen für das Zusammenleben ist, landet der Protestant isoliert im Keller. Wer sich verdeutlicht, dass dies die deutlich vorherrschende Konfession in Norwegen ist und der Protestantismus dessen Kultur stark prägt, versteht den skandinavischen Humor des Films – so wie es auch den Bewohnern immer wieder gelingt, mit Ironie ein wenig Optimismus zu streuen.

norway_03

„Welcome to Norway“ will dennoch keine Komödie sein und macht die Probleme deutlich, mit denen die Vertriebenen konfrontiert sind: Monotonie, Tristesse und Perspektivlosigkeit. Sehr nüchtern kommen auch Traumata zur Sprache. „Was hast Du erlebt, bevor Du kamst?“, fragt Line im Sprachkurs. Die Sozialarbeiterin wünscht sich von ihrer Schülerin eine lebendige Darstellung, nicht nur biographische Daten. Die Antwort folgt sachlich und ehrlich: „Sieben Soldaten haben mich drei Tage lang vergewaltigt“.

Rune Denstad Langlo bedient die personalisierte Ebene der Situation und zeigt eine Entwicklung seiner Charaktere. Abedi aus Eritrea spricht als einziger der Angekommenen Norwegisch und wird mit seinem handwerklichem Geschick wie als Übersetzer für das Arabische zunächst unentbehrlich für den überforderten Primus und am Ende sogar zu einem Freund, um dessen Zukunft sich Primus sorgt und für den er etwas riskiert. Seine Tochter Oda holt Mona aus dem Libanon gleich nach deren Ankunft in das Wohnhaus ihrer Eltern, damit die junge Frau nicht mit den übrigen meist männlichen Ankömmlingen ohne Zimmertüren hausen muss. Über den Widerstand ihres Vaters und ihrer Mutter setzt sie sich souverän hinweg. Als Mona die Abschiebung droht, entschließt sich Oda zu einem so drastischen wie mutigen Schritt. Und selbst Hanni, die passive und lethargische Frau Primus‘, taut im Lauf der Handlung langsam auf; toll gespielt von der aus „Lilyhammer“ bekannten Henriette Steenstrup.

„Welcome to Norway“ hinterlässt einen menschlichen Nachklang in der komplexen Situation, mit der wir und vor allem die bei uns Zuflucht suchenden derzeit konfrontiert sind.

norway_05

Philip Øgaard (Kamera) und Vidar Flataukan (Schnitt) liefern schöne Bilder des hohen Nordens und nehmen auch bei Innenaufnahmen gerne die Farbigkeit und Saturierung zurück, um die Tristesse und Kälte der Situation zu transportieren.

Die für die Handlung maßgeblichen Dialoge sind in der Originalfassung wie auch der Synchronfassung klar und gut balanciert. Ola Kvernbergs sparsam eingesetzter Score vermittelt an den entsprechenden Stellen Emotion. Wer Norwegisch als Fremdsprache gelernt hat, hört sich in den nördlichen Dialekt der vorhandenen Originalfassung ein; irgendwann im Laufe der Sprachstudien begegnete einem ja das norwegisierte Nynorsk, und das hilft. Schön wären dennoch norwegische Untertitel gewesen, die das Hörverstehen der Originaltonspur unterstützen. Diese bietet der Verlag leider nicht, das ist schade.

Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
1.) Verratet uns, welche Tragikomödie Euch am besten gefällt. Schön wäre eine kleine Begründung, was Ihr an grade diesem Film so toll findet.
2.) Wie habt Ihr zu www.film-blog.tv gefunden?
Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

1 x DVD „Welcome to Norway“

Schickt einfach eine Mail mit Eurer Antwort und Eurer Adresse an gewinnspiel(at)film-blog.tv

Dazu habt ihr bis zum 15.05.2016 bis 24.00 Uhr Zeit.

Das Gewinnspiel wird von www.film-blog.tv veranstaltet, die Teilnahme ist kostenlos. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie von www.film-blog.tv dürfen nicht mitmachen. Gehen mehr richtige Antworten ein, als Preise zur Verfügung stehen, lassen wir das Los entscheiden, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

Neue Visionen Filmverleih präsentiert „Welcome to Norway“ ab 07. April 2017 im Vertrieb von good!movies auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensions- und das Verlosungsexemplar wurden von Neue Visionen Filmverleih / good!movies zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Welcome to Norway
Land / Jahr: Norwegen / 2016
Genre: Komödie
Darsteller: Primus: Anders Baasmo Christiansen, Abedi: Olivier Mukuta, Zoran: Slimane Dazi, Hanni: Henriette Steenstrup, Line: Renate Reinsve, Oda: Nini Bakke Kristiansen, Mona: Elisar Sayegh u. a.
Regie: Rune Denstad Langlo
Drehbuch: Rune Denstad Langlo
Produzent: Sigve Endresen
Co-Produzenten: Patrik Andersson, Espen Osmundsen, Eirik Smidesang Slåen
Kamera: Philip Øgaard
Schnitt: Vidar Flataukan
Musik: Ola Kvernberg
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 91 Min.+ Bonus
Bildformat: 2,35:1 in 16:9
Tonformat: Dolby Digital 5.1
Sprachen: Audiodeskription, Deutsch, Norwegisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Trailershow, Wendecover

Webseite zum Film: Welcome to Norway