Willi und die Windzors: „Das Empire wünscht guten Abend“

willi_cover‘Soeben verkündet das britische Unterhaus die aktuelle Meldung: Die Monarchie ist abgeschafft! Queen Elizabeth und ihre Verwandten sollen umgehend das britische Empire verlassen. Nur Fergie und Andrew müssen im Land bleiben, bis Fergie ihre Schulden abgearbeitet hat. Vergeblich bemühen sich die “Gestürzten” bei europäischen Königshäusern um Unterschlupf. Doch überall wird abgewinkt. Als einziger Ausweg bleibt den blaublütigen Heimatlosen, Asyl bei ihren letzten lebenden Verwandten in Hannover, den noch ahnungslosen Möbelhausbesitzern Willi und Else Bettenberg, zu suchen. Gastfreundlich wie die Bettenbergs, pardon: jetzt natürlich “von Bettenbergs” sind, bieten sie der noblen Verwandtschaft ein warmes Plätzchen in ihrem bescheidenen Reihenhaus. Die neuen Lebensumstände der Royals führen zu grotesken Situationen.

Film-Blog.tv meint:
Von Buckingham Palace in das Reihenhaus im Günther-Ungeland-Ring 46b in Hannover-Herrenhausen: Regisseur und Hauptdarsteller Hape Kerkeling macht es einen Riesenspaß, die britische Königsfamilie in eine andere Welt zu transponieren. Hape ist ein begnadeter Beobachter und Erzähler, und hier fragt er sehr menschlich nach der Rolle der weltweit Faszination ausübenden Monarchen in England. Dabei formt er seine in die bundesdeutsche Realität geschleuderten britischen Hochadeligen so, wie es den Zeichnungen der jeweiligen Charaktere in der „Yellow Press“ wohl entspricht. Und überzeichnet natürlich humoristisch: Seine Elizabeth II. lässt er Rubbelbingo im TV sehen, während die Nachrichten ihre Entmachtung verkünden. Es gelingt dem legendären Entertainer, die Kernidee in einen höchst amüsanten Film umzusetzen, der über die gesamte Länge herrlich unterhält. Wer die Produktion heute sieht, lässt sich natürlich auf die Aufnahmetechnik ein, die vor gut 20 Jahren nicht die heutige Konturenschärfe und Farbdynamik erzielen konnte. Das macht nichts, denn die Qualität der Handlung und die Spielfreude der Darsteller kompensieren das locker. Es lohnt sich, diesen relativ unbekannten „Hape“ zu entdecken!

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Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Elisabeth fliegt raus, und ihre ganze Familie gleich mit. Das britische Parlament greift den Unmut der Steuerzahler auf, die ihr Königshaus 10 Millionen Pfund pro Jahr kostet, und verweist die gesamte Regentenfamilie des Landes. Die Republik Großbritannien ist geboren, gerade einmal 24 Stunden bleiben den Royals, Windzor (sic!) Castle zu verlassen. Nur Andrew und Sarah Fergusson bleiben im Heimatland, bis ihre Schulden abgezahlt sind. Der Rest der Familie sucht ein neues Heim, doch die benachbarten europäischen Monarchen wollen ihnen keinen Unterschlupf gewähren. Damit bleibt nur der Weg zur Verwandtschaft in Hannover, zu Willi Bettenberg und seine Mutter Else.

„Komma runter, da is irgendwat nich in Ordnung“, bemerkt Else Bettenberg, als mitten in der Nacht Blaulicht vor dem Fenster kreist und ein Helikopter landet. Die Überraschung ist groß, als die gesamte royale Familie vor der Tür steht. Als Spätaussiedler erhalten sie neben fünf Pässen und zwei Kinderausweisen 100 DM Begrüßungsgeld pro Person; ansonsten sind die mittellos, denn ihr Vermögen behielt die einen Tag junge Republik Großbritannien ein. Sollte die Familie Bettenberg sie nicht aufnehmen, müsste sie einem Gesetz aus 1745 zufolge die Hotelkosten übernehmen, erinnert der die Royals begleitende Polizeioberwachtmeister. Und mahnt zu strengster Geheimhaltung, um die Sicherheit der königlichen Famlie nicht zu gefährden.

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Am nächsten Morgen würde IKH Elizabeth II. gerne erst einmal Barmittel erhalten. Mama Bettenberg gibt ihr 20 Mark und rät „Tante Else“, sie solle nun bald einmal zur Sparkasse gehen. „Sie können jetzt servieren lassen“ ist die Antwort der exilierten Pleitemonarchin.

Die Möglichkeiten der Royals, das nötige Geld zu verdienen, sind begrenzt, und das schleppend laufende Möbelhaus wirft bei weitem nicht genug ab, um die neu gebildete Großfamilie zu ernähren. Nach und nach finden sie ihre Nischen: Bei einer Autogrammstunde in Bettenbergs Möbelhaus preist Diana eine Einbauküche an, mit den praktischen Behältern für Hausmüll, Industriemüll und Schwermetall. Philip wird Ehrenvorsitzender des hannoverschen Zoo-Förderverein, und Charles Kandidat um das Amt des Bürgermeisters für die „Hannoversche Allgemeine Liberale Partei“. Die hat zwar kein Wahlkampfbudget, aber Papa Philip sammelt flugs das Bargeld seiner Verwandten ein, setzt beim Pferderennen zielsicher auf den Außenseiter „Lady Di“ und kassiert groß ab. Charles sackt die Wahl ein und wird hannoverscher Bürgermeister.

Währenddessen stellt der Premierminister der Republik England ein Problem fest: Mit dem Weggang der Königsfamilie sind 228.000 Arbeitsplätze in England weggebrochen; der Tourismus lahmt und Pressevertreter begehen Suizidversuche. Die Royals müssen zurück! Doch in Hannover werden die Karten neu gemischt, und die Familie sortiert sich neu. Das soll auch England nachhaltig verändern…

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Regisseur und Hauptdarsteller Hape Kerkeling greift die Eigenheiten der britischen Königsfamilie schön auf. In seiner Persiflage aus 1996 dürfen die liebevoll angelegten Charaktere eine Reihe von Eigenschaften ihrer realen Vorbilder übernehmen. Die lebenslustige und offene Diana, der ökologisch und soziologisch interessierte Charles, die herzliche Queen-Mum und der distinguierte Philip wie die kühle Tante Else, Verzeihung, Königin Elisabeth II.

Das Setting verlegt er nach „Hannover 21“. Nach den alten Zustellbezirken ist das Hannover-Herrenhausen, das in der Tat mit dem Königsgschlecht verbunden ist. Dass England zwischen 1714 und 1837 über die sogenannte Personalunion von hannoverschen Königen regiert wurde, gibt dem Buch von Hape Kerkeling und Doris J. Heinze einen historischen Bezug.

Hannoveraner erkennen das Neue Rathaus vom Maschpark aus und in Innenaufnahmen. Der wilhelminische, schlossähnliche Prachtbau ist eine passendere Bleibe als das Reihenmittelhaus, findet die Könniginnenmama, und fragt nach den Schlafgemächern. Wer genau hinsieht, erkennt unter den Wahlwerbeplakaten des Kandidaten Charles ein Plakat des Herrenhäuser Undergroundclubs „bad“ — ein schöner Kontrast zum royal-liberalen Bewerber.

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Ein besonderer Bezug zum Drehort ist der damalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, der es sich nicht nehmen ließ, eine Gastrolle zu übernehmen. Etwa in der 46. Minute taucht der beliebte Sozialdemokrat kurz als niedersächsischer Innenminister auf. Wenn Prinz Charles im Epilog als Bürgermeister erwähnt wird, der mit 35 Jahren die bisher längste Amtszeit erzielen soll, ist das nicht nur eine augenzwinkernde Parallele zum damals amtierenden Stadtchef, sondern geradezu prophetisch: Herbert Schmalstieg sollte von 1972 bis 2006 regieren und damit fast exakt diesen Zeitraum erreichen Das konnte 1996 noch keiner ahnen.

Bei allem Lokalkolorit darf Mama Bettenberg in ihrer Sprechweise dem Ruhrpott erblühen lassen. Die nüchterne hannöversche Sprechweise eignete sich in der Einschätzung der Produzenten vermutlich nicht ausreichend, um die Bodenständigkeit der Rolle zu transportieren, und so griff der Recklinghausener Hape auf das bewährte Instrument der geerdeten Sprache im Ruhrpott zurück.

Die Darsteller machen in der 1996er Komödie einen wunderbaren Job. Brigitte Mira verkörpert die verschmitzte Queen Mom sehenswert, Charles Breuer setzt als ihr distinguiert-gebildeter Mann Philip einen würdigen Akzent daneben. Und wer wie Irm Hermann in über 20 Fassbinder-Produktionen mürrische Spießerinnen verkörperte, der ist bei Hape Kerkeling für die Rolle der Monarchain Elizabeth II. prädestiniert. Die Auswahl des Ensemles ist gekonnt, und die Spielfreude sehenswert. Bis in den Sprecher für den Prolog und Epilog geht die Gleichung auf: die Stimme des „Märchenerzählers“ Hans Paetsch passt hier einfach fantastisch.

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Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Willi und die Windzors“ ab 23. Oktober 2015 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Willi und die Windzors
Land / Jahr: Deutschland / 1996
Genre: Komödie
Darsteller: Hape Kerkeling: Willi Bettenberg; Brigitte Mira: Queen Mum; Tana Schanzara: Else Bettenberg; Irm Hermann: Königin Elizabeth; Charles Brauer: Prinz Philip; Katharina Schubert: Prinzessin Diana; Ludger Pistor: Prinz Charles; Elisabeth Ebeling: Prinzessin Margareth; Janette Rauch: Sarah Ferguson; Isabel Varell: Ulrike; Alexander May: Ministerpräsident von Niedersachsen; Gottfried Vollmer: Polizist; Evelyn Meyka: Irmela Schlotfett; Heinrich Giskes: Herr Schaefer; Horst Krause: Herbert Grabbe; Barbara Schöne: Frau Czerbonka; Wilfried Hochholdinger: Premierminister; Balduin Baas: Zoodirektor; Uwe Steimle: Sekretär des Premierministers; Georg Marischka: Erzbischof; Hans Paetsch: Erzähler u. a.
Regie: Hape Kerkeling
Drehbuch: Hape Kerkeling, Doris J. Heinze
Produzenten: Rainer Poelmeyer
Kamera: Stephan Motzek
Schnitt: Heidi Endruwelt
Musik: André Bauer
FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung

DVD
Laufzeit: ca. 86 Min.
Bildformat:16:9
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch
Untertitel: keine
Extras: Trailershow

Webseite zum Film: Willi und die Windzors