Wir sind die Neuen: Wir putzen kein sauberes Treppenhaus

wirsind_coverWer sagt eigentlich, dass man mit 60 alt ist? Anne, Eddi und Johannes bestimmt nicht. Sie sind um die sechzig, können sich wenig leisten und gründen deshalb ihre alte Studenten-WG einfach neu. Alles soll so sein wie früher: Bis spät nachts um den Küchentisch herumsitzen und Wein trinken, über Gott und die Welt philosophieren und dabei die ehemaligen Hits hören. Doch die neue WG hat die Rechnung ohne die Hausgemeinschaft gemacht.
Denn über den Dreien wohnen drei Studenten von heute. Und die verstehen überhaupt keinen Spaß. Sie büffeln für ihr Examen und können alles gebrauchen – bloß keine lustigen und lauten 60jährige, die sich nicht an die Regeln halten. Es dauert nicht lange, bis sich die beiden Generationen höllisch in die Haare kriegen. Aber was genau läuft hier falsch? Haben die Alten die Zeichen der Zeit nicht kapiert? Oder sehen die Jungen einfach nur alt aus?

Film-Blog.tv meint:
Ralf Westhoff macht es sich vielleicht etwas zu leicht, indem er die Vorzeichen einfach umdreht: Die „Alten“ sind die späten Hippies, die sich nicht an die Hausordnung halten wollen und in längst vergangenen Zeiten schwelgen. Lediglich der – abgedroschene – „Joghurt-Dialog“ lässt verhaltene Spießerambitionen der Alt-68iger auflodern. Dafür sind die jungen Studenten die Angepassten. Die, die sich offensichtlich mehr Sorgen um ihre Rente machen, als die Senioren.
Daraus entstehen spritzige, teilweise bissige und meist auch treffende Dialoge. Als reine „Komödie“ möchte ich „Wir sind die Neuen“ allerdings nicht einstufen, dafür sind die Konflikte der Protagonisten zu sehr im Vordergrund und die Geschichte selbst zu tiefgehend.

Anne, Anfang 60. Als Biologin hat sie (zu) lange studiert und im Berufsleben nicht genug verdient. Die Rente reicht jedenfalls nicht für eine eigene Wohnung in der Stadt. Aus der Ihren muss sie ausziehen, weil eine junge Verwandte in München studieren möchte und Anspruch auf diese vier Wände geltend macht.

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Ein Umzug in preiswertere, ländliche Regionen kommt für sie nicht in Frage. Aber dafür die rettende Idee: Zusammen mit Johannes, Paul und Günther soll die alte Studenten-WG wiederbelebt werden. Was sich als nicht so einfach herausstellt. Zwar sagt Johannes unter dem Vorbehalt, dass die anderen beiden mitmachen zunächst zu: Aber sowohl von Günther, erst Recht von Paul, bekommen sie rüde Abfuhren. Die beiden sind längst wohlhabend und etabliert, haben kein Interesse an einem Wiederaufleben längst vergangener Zeiten.

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Als Notlösung muss Eddi herhalten. Der war schon damals ein schwieriger Charakter. Aber er macht das Trio komplett. Schwierig gestaltet sich schon die Wohnungssuche. Zu viele Bewerber, die dem Klischee geeigneter Mieter eher entsprechen, bewerben sich um die wenigen geeigneten Objekte. Zumal die finanzielle Situation des Trios alles andere als rosig ist.

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Mit einem Trick und viel Charme schafft es Eddi dann doch noch, einer jungen Maklerin eine geeignete Wohnung abzuluchsen. Im Mehrfamilienhaus, dem einige Renovierungen bevorstehen, wohnen schon ein alleinstehender Yuppie und unsere drei Studenten. Der Yuppie ist selten zu Hause, so dass sich der entstehende Konflikt auf die beiden Wohngemeinschaften beschränkt.

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Ralf Westhoff zeichnet dabei in durchaus ernst zu nehmendes Bild der Situation, das weit über den Klamauk hinausgeht, den der Trailer befürchten lässt. Die persönlichen Animositäten und Lebensläufe, die zum Status Quo geführt haben spielen dabei eine tragende Rolle. „Wir sind die Neuen“ findet in erster Linie in den beiden Wohnungen der Beteiligten statt, ist damit schon fast ein Kammerspiel. Für einen Kinofilm wird schlicht und einfach wenig visuelle Abwechslung geboten. Hätte Westhoff ein Hörspiel draus gemacht, es hätte eine ähnliche Wirkung entfaltet.

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Von den Akteuren sticht sicher Heiner Lauterbach hervor, der mit seiner Routine und Erfahrung aus dem „Hörspiel“ einen Film macht. Allerdings ist Lauterbach dafür bekannt, dass er in erster Linie sich selbst mimt. So auch hier. Es passt halt, und das gut.

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Das Bild der Blu-ray ist auf aktuellem Niveau, auch bei Großprojektion auf Leinwand gibt’s keinen Anlass zur Kritik. Das ist allerdings mittlerweile kaum noch erwähnenswert, das schaffen auch moderne TV-Produktionen. Obwohl sehr dialoglastig über den Center abgemischt, kommt der Ton in vielen Szenen – ich erwähne in erster Linie den Aufenthalt in der Disko – schön räumlich aus dem Surroundsystem und vermittelt viel Atmosphäre.

Warner Bros. Entertainment GmbH präsentiert „Wir sind die Neuen“ ab dem 18. Dezember 2014 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Warner Bros. Entertainment GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Wir sind die Neuen
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Komödie
Darsteller: Gisela Schneeberger: Anne, Heiner Lauterbach: Eddi, Michael Wittenborn: Johannes, Claudia Eisinger: Katharina, Karoline Schuch: Barbara, Patrick Güldenberg: Thorsten, André Jung: Paul, Julia Koschitz: junge Frau, Katharina Marie Schubert: Lena, Gustav-Peter Wöhler: Günther u.a.
Regie: Ralf Westhoff
Drehbuch: Ralf Westhoff
Produktion: Ralf Westhoff, Westhoff Film, Florian Deyle & Martin Richter, DRIFE Filmproduktion
Kamera: Ian Blumers
Schnitt: Uli Schön
Musik: Oliver Thiede

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 92 Min.
Bildformat: Full HD 16:9 (1,85:1)
Tonformat: DTS HD-Master Audio 5.1
Sprache: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bonus: Trailer, Audiodeskription für Hörgeschädigte, Wendecover
FSK: 0

Webseite zum Film: Wir sind die Neuen