Wolfskinder: „Ich versuch‘, nicht zu verhungern“

wolfskinder_coverSommer 1946. Tausende elternlose Kinder kämpfen in Ostpreußen um ihr Überleben. Zu ihnen gehört auch der 14-jährige Hans (Levin Liam). Als seine Mutter (Jördis Triebel) im Sterben liegt, überträgt sie ihm eine letzte Aufgabe: Er soll sich mit seinem kleinen Bruder Fritzchen (Patrick Lorenczat) nach Litauen durchschlagen, wo es noch Bauern geben soll, die deutsche Kinder bei sich aufnehmen. Doch in der Wildnis geraten sie zwischen die Fronten und die beiden Brüder verlieren sich aus den Augen. Seine Suche nach Fritzchen wird zu einer Odyssee, und Hans muss in einem fremden Land gegen Hunger, Wetter und Krankheit kämpfen.

Film-Blog.tv meint:
„Wolfskinder“ wurde 2014 mit dem Friedenspreis „Die Brücke“ und dem Franz-Werfel Preis ausgezeichnet. Es ist ein sehr ruhiger Film, der nicht viele Worte nötig hat. Die Protagonisten, meist Kinder, sind völlig auf sich alleine gestellt, müssen sich unter widrigen Umständen in einer fremden Umgebung durchschlagen. Verfolgt von russischen Soldaten, körperlich und seelisch verletzt, geht es nur um’s nackte Überleben. Dass sie dabei nicht zimperlich sein dürfen, liegt auf der Hand. Rick Ostermann wertet nicht. Das steht weder ihm, noch dem Betrachter zu, der diese Umstände nicht selbst erlebt hat. Ostermann begeleitet die “Wolfskinder” ein Stück ihres Wegs. Immer auf Augenhöhe, subtil, nah. Ergreifend nah.

Wolfskinder sind anhanglose deutsche Kinder und Jugendliche, die nach 1945 dem drohenden Hungertod im nördlichen Ostpreußen zu entgehen versuchten, dabei in außerdeutsche Zusammenhänge gerieten (zumeist in Litauen, seltener in Lettland und Weißrussland) und ihre Herkunft durch die Annahme einer neuen Identität zeitweise oder gar dauerhaft verschleiern mussten.
Quelle: Wolfskinder Geschichtsverein
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Der Begriff „Wolfskinder“ leitet sich von dem Ausdruck „Wolfsmenschen“ ab, der bereits 1945 in Königsberg auftaucht, um Menschen zu bezeichnen, die aufgrund der widrigen Kriegsumstände nur auf die Nahrungsaufnahme reduziert und „vertiert“ waren.
Die Wolfskinder selbst, die in Litauen als „Kleine Deutsche“ bezeichnet wurden und dort im Verein „Edelweiß“ organisiert sind, haben sich anfangs heftig gegen die Bezeichnung gewehrt, können sich aber heute mehrheitlich mit dem Begriff identifizieren.

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Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Ostpreußen durch die rote Armee nach verlustreichen Kämpfen erobert. Im Auftrag von Adolf Hitler drohte Gauleiter Koch allerdings mit schweren Strafen, sollte die deutsche Zivilbevölkerung versuchen zu fliehen. Der erwartete Evakuierungsbefehl kam mit dem Heranrücken des Frontverlaufes letzten Endes viel zu spät.

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Teile der deutschen Bevölkerung konnten sich vor der roten Armee retten, doch der Fluchtweg nach Westen wurde im Frühjahr 1945 durch die sowjetische Besatzungsmacht ganz abgetrennt. Die überrollten deutschen Flüchtlinge kehrten auf Befehl der sowjetischen Truppen in ihre zerstörten Dörfer zurück oder wurden zur Zwangsarbeit rekrutiert. Nach dem folgenden harten Winter 1946/47 schickten immer mehr Mütter und Großeltern ihre Kinder und Enkel nach Litauen. In den geplünderten Dörfern und Gutshöfen gab es keinerlei Nahrung mehr, um die Kinder weiterhin am Leben zu erhalten. Litauen, das nach dem Ersten Weltkrieg durch die deutschen Truppen von den russischen Besatzern befreit wurde, strebte seine Unabhängigkeit unter der deutschen Führungsmacht an. So erklärt sich, dass der Großteil der litauischen Bevölkerung den deutschen Kindern freundlich gesonnen war und ihnen gerne half. Dazu kam noch, dass beide Völker sich gegen einen gemeinsamen Feind durchsetzen mussten: die sowjetische Besatzung.

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In dieser Zeit verloren zahlreiche Kinder ihre Eltern und irrten ziellos, teils in Gruppen, durch Ostpreußen und Litauen umher. Ständig auf der Suche nach Essen und Arbeit, zogen sie bettelnd durchs Land. Schätzungen gehen von 25.000 eltern- und heimatlosen Kindern aus, doch nur wenige hundert von ihnen haben überlebt. Die meisten mussten ihre Namen ändern und ihre Identität aufgeben, um sich selbst vor der Besatzungsmacht der roten Armee zu schützen.

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Die heutige politische Situation der Wolfskinder ist immer noch schwierig. Die meisten von ihnen leben in Litauen. Einige sind nach der Unabhängigkeit und der Auflösung der Sowjetunion nach Deutschland zurückgekehrt. Diese Rückkehr war und ist nicht einfach, da der deutsche Staat die Wolfskinder nicht voll anerkennt und ihnen wenig finanzielle Unterstützung gewährt.

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Um diese Situation aufzugreifen und den überlebenden Wolfskindern ein Sprachrohr zu sein, ist es Regisseur Rick Ostermann wichtig, diese Geschichte zu erzählen und den vielleicht unwissenden Zuschauern einen Einblick in ein besonderes Stück deutscher Geschichte zu geben.

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Obwohl „nur“ auf DVD erhältlich, ist das Bild auch bei Großprojektion dort, wo es darauf ankommt, erfreulich scharf und fein aufgelöst: Bei den Close-Ups. Landschaften und vor allem die Blätter im Laubwald könnten dagegen die höhere Auflösung einer Blu-ray gut vertragen. Die Schwarzwerte sind durchweg gut, auch in schwach beleuchteten Szenen sind die Schatten noch gut durchzeichnet. Störendes Bildrauschen sucht man vergebens. Der Ton – Dolby Digital 5.1 – kommt schön räumlich aus dem Surroundsystem. Das, und die intensiv gespielte Handlung, ziehen den Betrachter 90 Minuten lang in ihren Bann, wie ich es nur selten bei einem Film erlebt habe.

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Port au Prince Pictures / Lighthouse Home Entertainment GmbH präsentiert „Wolfskinder“ ab 20. März 2015 auf DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Lighthouse Home Entertainment GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Wolfskinder
Land / Jahr: Deutschland / 2013
Genre: Drama
Darsteller: Hans: Levin Liam, Christel: Helena Phil, Asta: Vivien Ciskowska, Fritzchen: Patrick Lorenczat, Karl: Willow Voges-Fernandes, Paul: Til-Niklas Theinert, Mutter: Jördis Triebel u.a.
Regie: Rick Ostermann
Drehbuch: Rick Ostermann
Produzenten: Rüdiger Heinze, Stefan Sporbert
Co-Produzenten: Jörg Himstedt (Hessischer Rundfunk), Birgit Kämper (arte)
Ausführende Produzentin: Monika Kintner
Produktion: Zum Goldenen Lamm Filmproduktion
Ton: David Hilgers
Musik: Christoph Kaiser, Julian Maas
Kamera: Leah Striker
Schnitt: Stefan Blau, Antje Lass
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 96 Min. zzgl. Bonus
Bildformat: Full HD 16:9 (2,35:1)
Tonformat und Sprache(n): Dolby Digital 2.0 Stereo, Dolby Digital 5.1 / Deutsch, Russisch, Litauisch
Untertitel: Englisch
Bonus: Einleger mit Informationen zum Film, Kinotrailer

Webseite zum Film: Wolfskinder