Vorwärts immer: Der dreifache Erich

Gewinnspiel_rotOst-Berlin, am Morgen des 9. Oktober 1989: Der berühmte Schauspieler Otto Wolf steckt in den Proben für ein geheimes Theaterstück mit dem Titel „Vorwärts immer“, in dem er Erich Honecker auf der Bühne verkörpert. Von Kontakten erfährt Otto eine schockierende Nachricht: Die für den Abend in Leipzig geplanten Demonstrationen gegen das DDR-Regime sollen mit aller Gewalt niedergeschossen werden – und seine schwangere Tochter Anne ist gerade auf dem Weg dorthin! Also fassen Otto und seine Kollegen einen waghalsigen Plan: Solange der „echte“ Erich Honecker in Wandlitz auf der Jagd ist, soll Otto als „falscher“ Honecker das Zentralkomitee betreten und den Schießbefehl auf Leipzig zurücknehmen. Ein turbulentes Spiel auf Zeit beginnt, bei dem Otto nicht nur dem Zentralkomitee gefährlich nahekommt, sondern auch der echten Margot Honecker…

Film-Blog.tv meint:
Von Philipp Weinges, zusammen mit Günter Knarr, Produzent von „Vorwärts immer“, erfahren wir in seinem Statement in der Pressemitteilung zum Film, dass von der Idee bis zur Realisierung von „Vorwärts immer“ dreizehn Jahre vergangen sind. Ein langer Zeitraum für gute eineinhalb Stunden Komödie. Hat es sich gelohnt? Teils, teils. Überzeugen kann der Cast mit seiner Spielfreude. Auch die liebevollen Details, bis hin zur Lederjacke im Kleiderschrank Honeckers fallen ins Auge und machen Freude beim Wiedersehen. Wer sich nicht erinnert: Da war mal ein Jodeltalent aus Hamburg, das mit dem Sonderzug nach Pankow wollte um mit Honni einen Cognac zu schlürfen …
Andererseits werde ich das Gefühl nicht los, dass man nach 13 Jahren Planung endlich mal fertig werden wollte. Für eine TV-Produktion, von mir aus auch zur Prime-Time, geht „Vorwärts immer“ ganz gut durch. Aber als Kinofilm? Dafür fehlt’s mir dann doch an Schauwerten, auch der Plot kann nicht durchgehend überzeugen.

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War es in der DDR wirklich so lustig? Honecker ein schrulliger, seniler Greis. Krenz. Mielke & Co. Korrupt, aber unfähig. Die Stasi ein Haufen seltsamer Slapstick-Akteure? Margot Honnecker ein heimlicher Wolf-Biermann-Fan? Wenn man sich anschaut, was den Filmemachern zur DDR so alles einfällt, könnte man fast glauben, dass es eine wahnsinnig lustige Zeit gewesen sein muss. Und kann sich kaum vorstellen, dass dieser Unrechts-Staat 40 Jahre lang das eigene Volk unterdrückt und teilweise gefoltert hat.

Für alle, die diese Zeit nicht miterlebt – oder schon vergessen – haben, hier deshalb ein paar wichtige Infos über den Hintergrund von „Vorwärts immer“, die zum Verständnis des Films wichtig sind:

Die Entscheidung fiel am Montag, den 9. Oktober 1989. Hätten an diesem Abend in Leipzig die schussbereiten Polizei- und Armeetruppen den Zug von 70.000 unerschrockenen Demonstranten gewaltsam „aufgelöst“, wie eigentlich von jedem erwartet, wäre die Grenze womöglich niemals geöffnet worden – auf jeden Fall nicht schon einen Monat danach.

Der Niedergang der DDR begann in den frühen 80er Jahren. Wie als Antwort auf die westliche Friedens- und Umweltbewegung bildeten sich in einzelnen Kirchengemeinden, im Künstler- und Intellektuellen-Milieu systemkritische, meist pazifistische Zirkel, die einen „demokratischen Sozialismus“ propagierten. Vor allem aber war für jeden in der Republik unübersehbar geworden: Die Plan-wirtschaft hatte trotz aller jahrelangen unermüdlichen Anstrengungen unter schwierigsten Bedingungen den von der Einheitspartei propagierten Wettlauf mit dem Kapitalismus verloren. 1983 wurde die drohende Insolvenz offenbar. SED-Generalsekretär Erich Honecker nahm einen Milliardenkredit ausgerechnet aus den Händen des bekennenden Kommunistenhassers Franz Josef Strauß an. Ein Sensationsdeal, der dennoch nichts an der Misere änderte. Der Pakt zwischen Staatspartei und Bevölkerung – ausreichende Versorgung und Privilegien gegen Loyalität – war brüchig geworden. Und weil sämtliche Entscheidungen strikt hierarchisch in der Ost-Berliner Machtzentrale gebündelt waren, gab es auch nur eine einzige Instanz, die man verantwortlich machen konnte: die Parteiführung.

Auch innerhalb der Hierarchie war kaum noch etwas zu bewegen. Selbst die Überzeugtesten und Begabtesten der jüngeren Generation hatten kaum noch Perspektiven. Die Alten hielten sämtliche Schaltstellen besetzt. Das Politbüro bestand so gut wie ausschließlich aus alten Männern. Das Triumvirat der Macht, Generalsekretär Honecker, Stasi-Chef Mielke, Wirtschaftsfunktionär Mittag, hatte praktisch das Greisenalter erreicht. Einzig FDJ-Chef Egon Krenz wurde als Vertreter der „Neuen“ gehört. Aber dass ausgerechnet er frischen Wind bringen sollte, der auch bereits auf die 50 zuging und für seine Chamäleon-artige Anpassungsfähigkeit bekannt war, war kaum glaubwürdig. Zwar hatte Honecker im Zuge der Bonner Ostpolitik und der KSZE-Vereinbarungen international eine größere Anerkennung der DDR erreicht. Allerdings um den Preis, die hermetische Abschottung lockern zu müssen – mit der Folge, dass die Zahl der Ausreiseanträge mehr als dramatisch anstieg. Am Ende hatte jeder, der nicht sein Land verlassen wollte oder konnte, mindestens einen Freund, Verwandten oder Kollegen an den Westen verloren – noch dazu meist gut Ausgebildete der jüngeren Generation. Spätestens jetzt war das, was den SED-Obrigkeitsstaat noch vor dem Zerfall bewahrte, vor allem die allgegenwärtige Repression und Einschüchterung durch die Stasi unter ihrem Chef Mielke – mit 360.000 Mitarbeitern der größte Spitzelapparat der Welt.

Gleichzeitig riss in der Garantie-Macht Moskau der neue, dynamische Generalsekretär Michail Gorbatschow das Ruder herum. Tiefgreifende wirtschaftliche, politische und kulturelle Reformen sollten den real-existierenden Sozialismus retten – und dafür erhielt „Gorbi“ offenen Jubel. Auch in China hatten sich massenhaft Oppositionelle von diesem Aufbruch ermutigen lassen. Anfang Juni 89 sahen sich die Machthaber gezwungen, den Platz zum Tor des Himmlischen Friedens mit Panzern räumen zu lassen. Die Nachricht von Tausenden von Toten ging um die Welt und bewies erneut, dass bisher noch jedes kommunistische System Proteste blutig niedergeschlagen hatte.

Gleichzeitig aber taten sich immer mehr Lücken in den Grenzen auf. Ungarn, ökonomisch ebenfalls dringend auf westliche Hilfe angewiesen, hatte Ende Mai 89 den Zaun zu Österreich symbolisch durchtrennen lassen. Im August hielten sich mittlerweile 150.000 ostdeutsche „Urlauber“ im Nachbarland auf, und keiner wollte wieder nach Hause. Notlager mussten errichtet werden. Hunderte stürmten durch ein absichtlich offen gehaltenes Grenzgatter in die Freiheit – vor den filmbereiten Kameras westlicher Medien. Die erste Massenflucht seit Bau der Mauer.

Auch hatte sich längst herumgesprochen, dass die Besetzung westlicher Botschaften jedes Mal dazu führte, dass die Besetzer tatsächlich ausreisen durften. Im Oktober 89 war es die BRD-Vertretung in Prag. Doch diesmal hatten sich nicht zwei Handvoll Frauen und Männer mit ihren Kindern Zutritt verschafft. Diesmal zwängten sich über 8.000 auf dem morastigen Gelände. Ihre Versorgung war nicht mehr sicher zu stellen, die sanitäre Situation menschenunwürdig. Um die Feier zum 40. Jahres-tag der DDR-Staatsgründung nicht zu sehr zu trüben, ließ Honecker sich überzeugen, die Ausreise von insgesamt 17.000 Menschen zu verhandeln. Kaum hatte der Bonner Außenminister Genscher bei einer UNO-Sitzung in New York davon erfahren, saß er schon im Flugzeug, um tags darauf den in der Botschaft Ausharrenden die Lösung ihres Problems zu verkünden, obwohl sie noch gar nicht abschließend geregelt war. Dennoch, die Bilder der befreit winkenden Familien in ihren Zügen gingen rund um die Welt.

Inzwischen waren die Oppositionellen in der DDR zum Zug gekommen und wurden für ihren Mut belohnt. Bürgerbewegungen, die sich überall formiert hatten, erfuhren rasanten Zuspruch, jeder spürte, die Repressionsmacht des Systems war im Schwinden. Durch sie gab es Gelegenheit, seinen Unmut frei, solidarisch und sprachgewaltig zu formulieren – aber auch Perspektiven für einen anderen, demokratischen Sozialismus. Das jeden Montag stattfindende Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche diente bereits seit Längerem als Sammelpunkt. Nun lockte es wöchentlich immer mehr Schaulustige auf den Vorplatz. Zunächst stand man abwartend wie ein normaler Passant herum, aber am 18. September hatten sich plötzlich über Tausend versammelt. Brutale Stasi-Schläger sollten für Einschüchterung sorgen. Vergeblich, der Unmut steigerte sich zur Wut. Eine Woche später setzte sich die Menge erstmals in Bewegung. Keiner konnte sagen, warum und wohin, Hauptsache durch die Stadt. Einen weiteren Montag später waren es 15.000, wieder gingen sie los. „Wir sind das Volk!“ rief einer aus der Dunkelheit. „Wir sind das Volk!“ antworteten auf einmal viele.

Der folgende Montag war der 9. Oktober. Zwei Tage nach der Feier zum 40. Jahrestag der DDR. Keiner in der Republik glaubte, die Staatsführung würde die Massen-Proteste in Leipzig jetzt auch nur einen Tag länger dulden. Ein Großeinsatz war mit preußischer Gründlichkeit geplant, waffenstarren-de Kräfte von Polizei und Armee waren in der Innenstadt zusammengezogen worden, die Vorräte an Blutkonserven in den Krankenhäusern der Messestadt sicherheitshalber aufgestockt. Selbst Kirchen-führer warnten, diesmal nicht zu demonstrieren. Jeder musste mit Schüssen und Toten rechnen, jedem hatten sich die furchterregenden Bilder von Peking eingebrannt. Doch was geschah, übertraf alle Erwartungen. 70.000 Menschen kamen zusammen auf dem Weg Richtung Nikolaikirche – und kein Schuss fiel. Die Bewaffneten hielten sich abseits, sahen zu – und taten nichts.

Ausgerechnet an diesem Abend waren die Schaltzentralen der Macht wie lahmgelegt. Honecker war unauffindbar, Egon Krenz und das Berliner Politbüromitglied Günter Schabowski vollauf mit der Intrige beschäftig, ihn per Putsch loszuwerden. Und die Verantwortlichen in Leipzig mochten nicht ohne Befehl von oben ein Blutbad riskieren. Niemand wollte Verantwortung übernehmen.

Neun Tage später wurde der greise Honecker durch Krenz ersetzt. Im Bemühen, die Massen bei der Fahne zu halten, versprach der neue Generalsekretär unablässig die „Wende“ – aber er konnte nicht sagen, was er damit konkret meinte. Endlich, am 9. November, bewirkte der inzwischen berühmte, wie von Geisterhand in eine Pressekonferenz des Politbüromitglieds Schabowski hineingereichte Zettel das Ende der Grenzschließung. Auf einen Schlag war die bisherige Weltordnung obsolet – und kein einziger Schuss war gefallen.

Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
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Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

dcm Film Distribution GmbH präsentiert „Vorwärts immer“ ab dem 20. April 2018 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar und der / die Verlosungspreis(e) wurden von dcm Film Distribution GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Vorwärts immer
Land / Jahr: Deutschland / 2017
Genre: History, Komödie
Darsteller: Jörg Schüttauf: Otto Wolf / Erich Honecker, Josefine Preuß: Anne Wolf, Jacob Matschenz: August Weiss, Marc Benjamin: „Matti“ Stein, Steffen Scheumann: Boris Kelm, André Jung: Erich Mielke / Hans Götze, Alexander Schubert: Egbert Rauch / Egon Krenz Hedi Kriegeskotte: Margot Honecker, Stephan Grossmann: Theodor Dombrich, Devid Striesow: Harry Stein / Erich Honecker, Ulrich Cyran: Willi Stoph, Justus Carriere: Kurt Hager, Samia Muriel Chancrin: Stasifrau Birgit Müller, Christoph Glaubacker: Stefan Schäfer, Peter Rauch: Dietrich Kunze, Johannes Richard Voelkel und Tom Keune: Stasimänner u.a.
Regie: Franziska Meletzky
Drehbuch: Markus Thebe, Philipp Weinges, Günter Knarr, Franziska Meletzky
Roman-Vorlage:
Produzenten: Günter Knarr, Philipp Weinges
Co-Produzenten: Andreas Richter, Annie Brunner (II), Ursula Wörner
Kamera: Bella Halben
Musik: Moritz Denis, Elke Hosenfeld
Schnitt: Zaz Montana

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 98 Min. + Bonus
Bildformat: Full HD 16:9 (1,85:1)
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprache(n): Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Kinotrailer, Trailershow, Wendecover
FSK: 12

Webseite zum Film: Vorwärts immer